25.09.2018, 14:30 Uhr

Fulda (AFP) Druck auf katholische Kirche zu Konsequenzen aus Missbrauchsskandal wächst

Kardinal reinhard Marx. Quelle: AFP/Daniel ROLAND (Foto: AFP/Daniel ROLAND)Kardinal reinhard Marx. Quelle: AFP/Daniel ROLAND (Foto: AFP/Daniel ROLAND)

Kardinal Marx entschuldigt sich bei Vorlage von Studie

Der Druck auf die katholische Kirche in Deutschland zu tiefgreifenden Konsequenzen aus ihrem Missbrauchsskandal wächst. Bei der Vorstellung einer von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie zu den jahrzehntelangen Übergriffen kritisierten die Studienmacher am Dienstag die bisher unzureichende Aufarbeitung und mahnten dringendes Handeln an. Auch Opfervertreter und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) drängten zu Konsequenzen. Papst Franziskus zeigte Verständnis für die Entfremdung junger Menschen wegen der weltweiten Skandale.

Der Mannheimer Professor Harald Dreßing zeigte sich als Leiter der Studie "erschüttert" von den Ergebnissen. Sowohl das Ausmaß als auch der Umgang der Kirchenverantwortlichen mit den Taten hätten ihn erschüttert.

Dreßing sagte, die genaue Zahl der Täter werde sich nicht ermitteln lassen. Die von den Studienmachern angegebene Zahl von 1670 Klerikern sei nur die aus den vorliegenden Akten ermittelbare "untere Schätzgröße" für eine Zahl der Täter. Es gehe hier um die "Spitze eines Eisbergs, dessen tatsächliche Größe wir nicht kennen".

Der Missbrauchsskandal erschüttert seit 2010 die katholische Kirche in Deutschland. Dreßing sagte, in der Kirche gebe es weiterhin spezifische Strukturen, die den sexuellen Missbrauch begünstigten. Es gehe um einen "Missbrauch der Macht". Es gehe aber auch um den Umgang mit Themenfeldern wie Sexualität und Homosexualität, dem Zölibat und der Beichte. Der Studienleiter betonte ausdrücklich, dass das Risiko des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen bis heute fortbestehe.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bat die Opfer zum wiederholten Mal um Verzeihung. "Für alles Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung", sagte Marx. "Ich schäme mich."

Papst Franziskus sagte bei einem Besuch in der estnischen Hauptstadt Tallin, die Jugend sei angesichts der Missbrauchskandale "empört" und sehe keine "klare Verurteilung". Er verstehe die Entfremdung junger Menschen von der Kirche.

Marx räumte grundsätzliches Versagen des Klerus ein. "Wir haben zu lange weggeschaut, um der Institution willen und des Schutzes von uns Bischöfen und Priestern willen." Wie der von Marx inzwischen wiederholt geäußerte Wunsch nach einem Wendepunkt für die Kirche praktisch umgesetzt werden soll, ließ er offen. Der Kardinal kündigte weitere Beratungen unter den Bischöfen an.

Zusammen mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, zeigte Marx sich offen für höhere Entschädigungszahlungen an Opfer. Er sei bereit, "auch in der Frage der Höhe" noch einmal die Diskussion über Entschädigungen zu führen, sagte der Kardinal.

Der Sprecher des Opferverbands Eckiger Tisch, Matthias Katsch, erklärte, bisher gewähre die Kirche auf Antrag lediglich eine Entschädigung von im Durchschnitt 3000 Euro, weil sie sich nicht für die Taten verantwortlich fühle. Spätestens durch die nun vorliegende Studie sei aber deutlich geworden, dass in der katholischen Kirche Täter systematisch geschützt worden seien. "Daher fordern wir endlich eine angemessene Entschädigung für die Opfer", erklärte Katsch.

Katsch forderte auch eine unabhängige Aufarbeitung des Missbrauchskandals. Auch Bundesfamilienministerin Giffey verlangte eine konsequente Aufarbeitung. "Die Ergebnisse der Studie sind erschütternd und gleichzeitig ist klar, dass das nur der Anfang sein kann. Sie erwarte eine "schonungslose Aufklärung und sehe die Studie nur als Ausgangspunkt".

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) kritisierte das unterschiedliche Engagement der Diözesen bei der Prävention. "In der Prävention handelt jede Diözese in Deutschland trotz gemeinsamer Beschlüsse in Eigenregie, in unterschiedlicher Intensität", erklärte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. Dies reiche "von entschlossenem Handeln bis zu Relativierungen oder Abwarten", was "untragbar" sei.


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