18.09.2018, 11:58 Uhr

Berlin (AFP) Ärzteverbände fordern neue Strategie gegen Übergewicht bei Kindern

Dicke Kinder haben ein höheres Risiko für bestimmte Krankheiten. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Waltraud Grubitzsch (Foto: dpa/AFP/Archiv/Waltraud Grubitzsch)Dicke Kinder haben ein höheres Risiko für bestimmte Krankheiten. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Waltraud Grubitzsch (Foto: dpa/AFP/Archiv/Waltraud Grubitzsch)

Schlechtere Gesundheitschancen für sozial benachteiligte Kinder "nicht akzeptabel"

Ärzteverbände haben neue Strategien im Kampf gegen Übergewicht bei Kindern gefordert. Vor allem die dramatische Zunahme von krankhaftem Übergewicht bei Kindern aus sozial schwachen Familien sei "nicht akzeptabel", erklärte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach, am Dienstag in Berlin. Diese Kinder hätten deutlich schlechtere Gesundheits- und Lebenschancen.

Untersuchungen zufolge sind 15 von 100 Kindern in Deutschland zu dick. Insgesamt 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter von drei bis 17 Jahren sind übergewichtig, 5,9 Prozent davon sind sogar fettleibig. Die Zahl der Kinder mit ernsten Gewichtsproblemen blieb in den vergangenen Jahren in etwa stabil. Allerdings sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien rund viermal häufiger adipös, also extrem übergewichtig, als Gleichaltrige aus Familien mit hohem Bildungsgrad und Einkommen. Vor einem Jahrzehnt waren sie nur dreimal häufiger adipös.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die Deutsche Adipositasgesellschaft forderten von der Politik eine effizientere Risikovorsorge. Zugleich stellten die Verbände bisherige Präventionsprojekte in Frage. Die bisherige Strategie der Stärkung von Familien, unter anderem mit Broschüren und zahlreichen Informationsangeboten, habe "häufig die ohnehin interessierte Familien aus der Mittelschicht erreicht, aber keinen ausreichenden Schutz der Kinder aus Risikogruppen erzielt", kritisierte DGKJ-Präsidentin Ingeborg Krägeloh-Mann.

Konkret forderten die Verbände die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke sowie ein Verbot der speziell an Kinder gerichteten Werbung für ungesunde Lebensmittel. Zudem sollten Lebensmittel auf der Packung je nach ihrem Gehalt an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mit einem Buchstaben- und Farbcode gekennzeichnet werden, ähnlich wie beim Energieverbrauch von Elektrogeräten.

Die Kinder- und Jugendärzte fordern darüber hinaus verpflichtende Mindeststandards für eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung in Krippen, Kindergärten und Schulen. Zuckerhaltige Getränke in Kitas und Schulen sollten untersagt werden, weil sie ein starker Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas seien, erklärte Susanna Wiegand von der Deutschen Adipositasgesellschaft.

Adipositas, also Fettleibigkeit, bei Kindern und Jugendlichen führt demnach zu stark erhöhten lebenslangen Krankheitsrisiken wie Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall und einigen Krebsarten sowie zu einer insgesamt deutlich kürzeren Lebenserwartung. Die Gesundheitskosten für die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder und Jugendlichen belaufen sich demnach auf 1,8 Milliarden Euro.

Die drei Verbände kündigten an, ihre Mitgliedschaft in der vor gut einem Jahrzehnt gegründeten Plattform Ernährung und Bewegung (PEB) zu beenden. Sie begründete dies unter anderem mit der Übermacht der PEB-Mitglieder aus der Lebensmittelwirtschaft, die eine dringend notwendige Diskussion über Maßnahmen zum Schutz der Kinder vor zu viel ungesunden Lebensmitteln blockierten.


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