29.08.2018, 14:41 Uhr

Berlin (AFP) Deutschland gibt Gebeine aus Kolonialzeit an Namibia zurück


Staatsministerin bittet "aus tiefstem Herzen um Verzeihung"

Schmerzvolle Heimkehr: Die Bundesregierung hat am Mittwoch während der deutschen Kolonialherrschaft gestohlene und nach Deutschland gebrachte Gebeine an Namibia zurückgegeben. Bei der Übergabezeremonie in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin bat die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), Namibias Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa für das "schreckliche Unrecht" während der deutschen Kolonialzeit "aus tiefstem Herzen um Verzeihung".

Deutschland zählte das heutige Namibia von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika zu seinen Kolonien. Als die Volksgruppe der Herero sich 1904 mit einem Aufstand gegen Landraub und Willkürherrschaft der deutschen Kolonialherren wehrten, ordnete General Lothar von Trotha die Vernichtung der Volksgruppe an. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder wurden in die Omahekewüste gedrängt, der Zugang zu Wasserstellen wurde ihnen versperrt. Mindestens 60.000 Herero kamen ums Leben.

Wenige Monate später erhob sich auch die Volksgruppe der Nama. Bei deren brutaler Verfolgung starben etwa 10.000 Menschen. Opferverbände sprechen von 70 Prozent der Gesamtbevölkerung der Nama. Während der deutschen Kolonialzeit wurden Schätzungen zufolge insgesamt etwa 100.000 Angehörige der Volksgruppen der Herero und Nama gezielt getötet. Ihre Vernichtung gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Müntefering sagte in ihrer Ansprache, Deutschland stehe "fest zu seiner historischen Verantwortung". Sie hoffe, dass die Rückgabe der Gebeine dazu beitragen könne, die Wunden zu heilen. Hanse-Himarwa bescheinigte Deutschland, in den vergangenen Jahren "riesige Schritte" bei der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit unternommen zu haben. Sie gab allerdings auch zu verstehen, dass Namibia nach wie vor auf eine offizielle Anerkennung der Gräueltaten als Völkermord sowie eine Entschuldigung Deutschlands warte.

Deutschland verhandelt seit 2015 mit Namibia über die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit. Dabei geht es auch um Entschädigungszahlungen. Der deutsche Chefunterhändler Ruprecht Polenz sagte am Mittwoch, die Bundesregierung wolle sich materiell langfristig engagieren, um "die Wunden zu heilen, die noch aus der Kolonialzeit stammen". Wie dieses Engagement aussehen könnte, sagte er nicht.

Auf die Frage, warum es noch keine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung gegeben habe, antwortete Polenz, die Entschuldigung müsse in Namibia auch akzeptiert werden. "Dafür muss Namibia wissen, dass wir es ernst nehmen", fügte er mit Verweis auf die Verhandlungen hinzu.

Polenz reist am Donnerstag ebenso wie Staatsministerin Müntefering mit den Gebeinen nach Windhuk, wo für Freitag ein Staatsakt zum Empfang der Gebeine geplant ist. Polenz wird zudem an einer weiteren Verhandlungsrunde teilnehmen.

Zurückgegeben wurden Überreste von 27 Menschen, darunter 19 Schädel, fünf Skelette und weitere menschliche Überreste aus Beständen mehrerer deutscher Universitäten, Museen und Privatbeständen. Sie wurden während der Kolonialzeit von Forschern zusammengetragen und nach Deutschland gebracht. Untersuchungen an ihnen dienten damals auch dazu, rassistische Theorien zu untermauern. Es war die dritte Rückgabe dieser Art seit 2011. Laut Müntefering sollen weitere folgen.

Der Besuch der aus 74 Teilnehmern bestehenden namibischen Delegation wurde vom Streit um die Aufarbeitung begleitet. Der traditionelle Herero-Führer Vekuii Rukoro kritisierte während der Zeremonie, dass die Forderungen von Herero und Nama in den Regierungsverhandlungen "verwässert" würden. Als "direkte Nachkommen" der Getöteten hätten sie ein Anrecht, angehört zu werden.

Während des Gedenkgottesdienstes hielten Mitglieder des NGO-Bündnisses "Völkermord verjährt nicht" eine Mahnwache vor der Kirche ab. In einer Mitteilung protestierte das Bündnis dagegen, "dass die Bundesregierung auch bei dieser dritten Rückgabe von geraubten Gebeinen und Körperteilen nach Namibia die anwesenden Herero und Nama für den Völkermord nicht offiziell um Entschuldigung gebeten hat".


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