21.08.2018, 13:18 Uhr

Prag (AFP) Tschechien und Slowakei gedenken der Niederschlagung des "Prager Frühlings"


Kritik an Regierung in Prag - Demonstration vor russischer Botschaft

Tschechen und Slowaken haben am Dienstag dem 50. Jahrestag der Niederschlagung des "Prager Frühlings" gedacht. "Der August 1968 ist eines jener Ereignisse, die künftigen Generationen immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss", schrieb der slowakische Ministerpräsident Peter Pellegrini in der Zeitung "Hospodarske Noviny". Für Irritationen sorgte die Entscheidung des tschechischen Präsidenten Milos Zeman, den Gedenkfeiern fernzubleiben. Bei der zentralen Zeremonie in Prag kam es zu Protesten gegen die Regierung.

Demonstranten pfiffen und riefen "Schande", als der populistische Ministerpräsident Andrej Babis das Wort vor den hunderten Gedenkteilnehmern ergriff. Babis' Minderheitskoalition ist die erste tschechische Regierung seit dem Ende des Kommunismus 1989, die im Parlament auf Unterstützung der Kommunistischen Partei angewiesen ist.

"Wer mit den Kommunisten regiert, entehrt die Opfer der Besatzung von 1968", stand auf dem Plakat eines der Demonstranten, die zu der Gedenkveranstaltung erschienen waren. Babis war vor der Wende 1989 selbst KP-Mitglied.

In der Nacht zum 21. August 1968 waren Militärverbände des Warschauer Pakts unter Führung der Sowjetunion in die Tschechoslowakei eingerückt und hatten die Prager Reformregierung abgesetzt. Diese hatte unter dem damaligen Chef der kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, eine kurze Ära von Reformbestrebungen und politischer Liberalisierung eingeleitet, um einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" aufzubauen.

Die anschließende russische Besatzung dauerte über 20 Jahre. Mehr als 400 Todesopfer durch die ausländischen Truppen wurden von Historikern gezählt. Allein zwischen dem 21. August und dem 31. Dezember 1968 sollen 137 Menschen getötet worden sein.

Die zentrale Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer fand vor der Radiostation im Prags Innenstadt statt. Dort wurden vor 50 Jahren 15 Unbewaffnete getötet, als sie versuchten, die sowjetischen Angreifer am Betreten des Gebäudes zu hindern.

In ganz Tschechien waren für Dienstag zahlreiche Zeremonien, Konzerte und Versammlungen geplant. Am Abend sollte eine Ansprache des slowakischen Präsidenten Andrej Kiska auch im tschechischen Fernsehen übertragen werden. Die Tschechoslowakei hatte sich 1993 nach der Wende in die beiden Landesteile aufgespalten.

Ein Amtsträger fehlte beim gemeinsamen Gedenken: Tschechiens Präsident Zeman, ein Ex-Kommunist, der für seine prorussische Haltung bekannt ist, hatte sich gegen einen öffentlichen Auftritt entschieden. Oppositionsparteien kritisierten Zeman daraufhin scharf. Sein Sprecher Jiri Ovcacek erwiderte, der Präsident habe "seinen Mut durch die öffentliche Verurteilung der Besatzung von 1968" bereits bewiesen.

Zahlreiche europäische Spitzenpolitiker meldeten sich am Dienstag zu Wort. So erinnerte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) auf Twitter an die "die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit" als Grundlage eines vereinten Europas. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zollte dem Mut jener Anerkennung, "die sich trotzig den Panzern und Waffen gegenüberstellten". Für den "Respekt für Menschenrechte" müsse jeden Tag gekämpft werden.

Am Vorabend des Jubiläums hatten rund 300 Menschen vor der russischen Botschaft in Prag demonstriert. Die Demonstranten zeigten Spruchbänder mit der Aufschrift "Wir vergessen niemals" und "Stoppt den russischen Imperialismus", wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete.

"Eine Intervention wie vor 50 Jahren findet auch heute statt", sagte Tomasz Peszynski von der Bewegung "Pulse of Europe", einer der Organisationen, die zu dem Protest aufgerufen hatte. Diesmal werde lediglich mit "Propaganda, Falschmeldungen und Wahlbeeinflussung" statt mit Panzern interveniert.


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