17.08.2018, 18:44 Uhr

Genua (AFP) Wut über die Regierung mischt sich in Trauer um Opfer von Genua


Angehörige wollen Trauerfeier boykottieren - Weniger Vermisste als angenommen

Trauer und Wut nach dem Brückeneinsturz in Genua: Von den Hinterbliebenen-Familien der 38 Toten wollen mindestens 17 den staatlichen Trauerakt am Samstag laut der Zeitung "La Stampa" boykottieren, sieben weitere Familien waren demnach noch unentschieden. Damit könnte die Trauerfeier mit der Staats- und Regierungsspitze zur Blamage werden. Hunderte Helfer suchten unterdessen weiter in den Trümmern der Brücke nach Vermissten.

"Der Staat ist schuld. Die sollen bloß wegbleiben", sagte Nunzia, die Mutter eines von vier bei dem Brückeneinsturzes getöteten Jugendlichen aus Torre del Greco bei Neapel, der Zeitung "La Stampa". Die "Parade der Politiker" am Unglücksort sei "beschämend". "Mein Sohn wird keine Nummer auf der Liste der Toten, die durch die italienischen Versäumnisse provoziert werden", erklärte Roberto, Vater eines anderen Jungen. "Wir wollen keine Trauer-Farce, sondern eine Zeremonie zuhause, in unserer Kirche in Torre del Greco."

Die staatliche Trauerfeier sollte am Samstag in einer Messehalle in Genua stattfinden. Zahlreiche ranghohe Vertreter des Staates und der Regierung, allen voran Präsident Sergio Mattarella, kündigten ihre Teilnahme an. In der zur Aufbahrungshalle umfunktionierten Messehalle standen am Freitag bereits 18 Särge von Unglücksopfern, umringt von weinenden und betenden Hinterbliebenen.

Trotz schwindender Hoffnungen auf weitere Überlebende setzten hunderte Helfer an der Unglücksstelle die Suche fort. Ein von der Feuerwehr veröffentlichtes Video zeigte einen Helfer, der in einen mühsam freigelegten Hohlraum zwischen Steinen, Beton- und Stahlträgern hineinruft: "Ist da jemand? Ist da jemand?"

Die Zivilschutzbehörden korrigierten am Freitagabend die Zahl der noch vermissten Menschen auf fünf nach unten. Zuvor hatte es geheißen, es würden noch zwischen zehn und 20 Menschen vermisst. Einige von ihnen konnten aber inzwischen ausfindig gemacht werden.

Die offizielle Opferzahl lag weiter bei 38 Toten und 15 Verletzten. Zehn Menschen lagen nach Polizeiangaben am Freitag noch im Krankenhaus, sechs von ihnen in einem ernsten Zustand. Rund tausend Helfer arbeiteten an der Unglücksstelle, darunter 350 Feuerwehrleute. Große Betonbrocken wurden bereits aus dem Bett des Flusses Polcevera und von den unter der Autobahnbrücke verlaufenden Schienen geborgen.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua war am Dienstag auf einer Länge von mehr als 200 Metern eingestürzt. Dabei kamen mindestens 38 Menschen ums Leben. Lastwagen und Autos stürzten rund 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben.

Unterdessen beherrscht die heftige Kontroverse zwischen Regierung und Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia die Berichterstattung in Italien. Die Regierung in Rom macht das Privatunternehmen für das Unglück verantwortlich und will ihm die Lizenz entziehen.

Die Firma betreibt die A10, zu der die eingestürzte Brücke gehört. Autostrade per l'Italia weist die Vorwürfe zurück. Die Brücke sei vorschriftsmäßig vierteljährlich überprüft worden. Außerdem seien zusätzliche Tests mittels hochspezialisierter Geräte erfolgt.

Die rechtspopulistische Regierung hatte zudem indirekt die EU mit verantwortlich gemacht: Wegen strikter Sparauflagen aus Brüssel habe Italien nicht genug in die Infrastruktur investieren können. Die EU-Kommission wies dies zurück und verwies auf EU-Milliarden für Infrastrukturmaßnahmen in dem Mitgliedsland.


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