07.08.2018, 13:58 Uhr

Potsdam (AFP) Briefe an letzte deutsche Kaiserin könnten Licht auf dramatische Epoche werfen

Einer der Briefe aus dem Besitz von Auguste Victoria. Quelle: dpa/AFP/Ralf Hirschberger (Foto: dpa/AFP/Ralf Hirschberger)Einer der Briefe aus dem Besitz von Auguste Victoria. Quelle: dpa/AFP/Ralf Hirschberger (Foto: dpa/AFP/Ralf Hirschberger)

Rund 1000 private Zuschriften entdeckt - Zufallsfund öffentlich präsentiert

Historiker sprechen schon jetzt von einem "Sensationsfund", der ein neues Licht auf die letzte deutsche Kaiserin und ihre Zeit werfen könnte: In Potsdam sind am Dienstag die bei der Vorbereitung einer Ausstellung entdeckten rund tausend Privatbriefe an Auguste Victoria vorgestellt worden. Die teils noch versiegelte Korrespondenz der Ehefrau von Kaiser Wilhelm II. lagerte seit 130 Jahren in einem Schrank im Neuen Palais.

Wie die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg am Dienstag mitteilte, befanden sie sich im ehemaligen Sommerschloss der Monarchen in Potsdam in einem Möbelstück, in dem sich auch der Juwelentresor der 1921 verstorbenen Kaiserin befindet. Er konnte wegen fehlender Schlüssel bislang noch nie geöffnet werden.

Im Vorfeld der Ausstellung "Kaiserdämmerung. Das Neue Palais 1918 zwischen Monarchie und Republik" versuchten die Fachleute, diesen "auf denkmalverträgliche Art" schonend zu öffnen. Dabei entdeckten sie in einem ebenfalls verschlossenen Schrank darüber zwei hölzerne Transportkisten, eine Lederschatulle und eine Dokumentenmappe mit Briefen, die in den Jahren 1883 bis 1889 an die Kronprinzessin und spätere Königin von Preußen und deutsche Kaiserin gerichtet wurden.

Nach einer ersten Sichtung handelt es sich dabei in erster Linie um Zuschriften aus dem engen familiären Umfeld Auguste Victorias, die unter anderem auch mit der legendären damaligen britischen Königin Victoria verwandt war. Viele Briefe sind von der Monarchin selbst beschriftet und tragen rote Wachssiegel, die keinen Zweifel an der Besitzerin lassen. Teilweise sind sie sogar noch völlig ungeöffnet.

Die Stiftung erhofft sich von der Auswertung der Fundstücke neue historische Erkenntnisse. "Obwohl der völlig überraschende Fund noch nicht im Detail untersucht werden konnte, darf man schon jetzt von einem Sensationsfund sprechen, der möglicherweise auch ein neues Licht auf die letzte deutsche Kaiserin und ihre Zeit zu werfen vermag", teilte die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten mit.

Die 1858 geborene Auguste Victoria war Prinzessin des Herzogtums zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg: Seit 1881 war sie mit Wilhelm von Preußen verheiratet, der 1888 preußischer König und deutscher Kaiser wurde. In dessen 30-jähriger Regierungszeit, die als wilhelminische Epoche bekannt ist, erlebte Deutschland eine Reihe fundamentaler politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen.

Das damalige Deutsche Reich stieg durch rasante Industrialisierung zu einer der führenden Wirtschafts- und Militärmächte Europas auf, womit auch tiefgreifende soziale Spannungen verbunden waren, die etwa zur Gründung der Sozialdemokratie führten. Zugleich betätigte es sich als Kolonialmacht, ein aggressiver Nationalismus prägte die politische Stimmung. Am Ende mündete die Konfrontation mit anderen europäischen Mächten in den Ersten Weltkrieg mit Millionen Toten.

Auch die Geschichte der Briefe von Auguste Victoria ist eng mit den dramatischen Ereignissen jener Zeit verbunden. Der Stiftung zufolge wurden sie offenbar ins Neue Palais gebracht, als das Kaiserpaar aus dem Berliner Schloss in die Potsdamer Residenz zog. Dann wurden sie vergessen. Als eine Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs den Kaiser zur Abdankung zwang und dieser sich mit seiner Familie 1918 ins niederländische Exil absetzte, wurden sie dort zurückgelassen.

Die Korrespondenz habe seitdem "unbeachtet in diesem verborgenen Schrank alle Wirren und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts zum Trotz überdauert", erklärte die Stiftung. Im Neuen Palais, das als Prachtbau am Westrand des berühmten Parks Sanssouci liegt, seien Jahr für Jahr tausende Besucher "ahnungslos" daran vorbeigegangen.


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