01.08.2018, 11:23 Uhr

Berlin (AFP) Handwerkspräsident Wollseifer kritisiert Ton in der Integrationsdebatte

Junge Flüchtlinge in einem Ausbildungszentrum. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Monika Skolimowska (Foto: dpa/AFP/Archiv/Monika Skolimowska)Junge Flüchtlinge in einem Ausbildungszentrum. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Monika Skolimowska (Foto: dpa/AFP/Archiv/Monika Skolimowska)

ZDH-Vorsitzender ruft zum Ausbildungsstart zu Bewerbungen auf

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hat den Ton in der Debatte über die Flüchtlingspolitik und über die Integration in Deutschland kritisiert. "Die letzten Monate waren nicht gerade zuträglich für die Integrationsarbeit in den Betrieben und in der Gesellschaft", sagte Wollseifer der Nachrichtenagentur AFP. Zum Start des Ausbildungsjahrs am Mittwoch warb der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) um Bewerbungen.

Er sehe einen "Hype, der nicht gut ist", sagte Wollseifer zur Flüchtlingsdiskussion. Die Debatte über Integration dürfe nicht "das gesamte Regierungshandeln lähmen". Seit dem Jahr 2015, dem Höhepunkt der Zuwanderung von Flüchtlingen, gebe es immer noch einiges, was dringend verbessert werden müsse, sagte Wollseifer. Die 2016 zugesicherte Regelung etwa, dass geduldete Flüchtlinge nach einer dreijährigen Ausbildung noch mindestens zwei Jahre in einem Betrieb arbeiten dürfen - die 3+2-Regelung - werde "immer wieder unterlaufen", kritisierte der Handwerkspräsident.

Besonders in den südlichen Bundesländern würden junge Leute mit Ausbildungsvertrag oder schon in der Ausbildung abgeschoben. "Das sind die Falschen, das sind die Integrationswilligen", kritisierte der Handwerkspräsident. Für die Betriebe sei dies eine "riesige Demotivation". Die Regel müsse "ohne Ausnahme angewendet" werden, forderte Wollseifer. "Hier erwarten wir mehr Unterstützung durch die Politik."

Die Handwerksbetriebe hätten "jahrzehntelange Erfahrung mit dem Thema Integration", betonte Wollseifer. Auch er selbst bildet in seinem Maler- und Lackierbetrieb in Köln einen jungen Iraner aus, der nur geduldet ist. Eine solche Ausbildung "kostet viel Mühe", sagte der Handwerkspräsident. "Wir haben aber sehr, sehr oft die Erfahrung gemacht: Die Mühe lohnt sich." Wer ausbilde, bekomme sehr viel zurück. "Viele Betriebe machen das mit Herzblut."

Im Jahr 2015 hatten rund 2500 junge Flüchtlinge aus den acht häufigsten Asylzugangsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien eine Ausbildung im Handwerk begonnen. 2016 waren es 4600, Ende 2017 bereits 11.000. Damit bildet das Handwerk nach eigenen Angaben knapp die Hälfte aller Flüchtlinge aus diesen acht Ländern aus, die derzeit eine Ausbildung in Deutschland machen.

Auch am Mittwoch startete vielerorts wieder die Ausbildung für junge Lehrlinge. Ende Juni waren dort noch mehr als 34.000 Ausbildungsplätze frei. "Das Handwerk bietet so unterschiedliche und vielfältige Berufsbilder, dass darunter mit Sicherheit jeder Jugendliche genau den Beruf finden kann, der zu seinen Fähigkeiten passt", warb Wollseifer für Bewerbungen.

Im Handwerk gebe es 130 Ausbildungsberufe - vom Augenoptiker, Steinmetz und Konditor über den Chirurgiemechaniker oder Galvaniseur bis hin zum Elektrotechniker. Gesucht würden vor allem noch Anlagenmechaniker, Elektroniker oder Friseure, sagte Wollseifer weiter.

Der Handwerkspräsident mahnte zugleich eine Stärkung der beruflichen Bildung an. Der im Koalitionsvertrag versprochene Berufsbildungspakt etwa dürfe nicht erst am Ende der Legislaturperiode vorgelegt werden. "Jetzt muss langsam mal etwas kommen und die Ankündigung mit Inhalt gefüllt werden", sagte Wollseifer AFP. Beim Inhalt poche das Handwerk auf eine "Gleichwertigkeit der akademischen und der beruflichen Ausbildung".

Die Handwerksbetriebe seien - gerade auch was digitale Entwicklungen angehe - längst im 21. Jahrhundert angekommen. Die Berufsschulen dagegen verharrten im 20. Jahrhundert. Für deren Ausstattung und Personal seien "deutlich mehr Mittel" nötig, forderte Wollseifer. Das gelte auch für die digitale Ausstattung der Berufsbildungszentren des Handwerks.


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