05.07.2018, 14:18 Uhr

Daraa (AFP) Aktivisten: Hunderte Raketen gehen im Süden Syriens nieder

Rauchwolken über der Stadt Saida. Quelle: AFP/Mohamad ABAZEED (Foto: AFP/Mohamad ABAZEED)Rauchwolken über der Stadt Saida. Quelle: AFP/Mohamad ABAZEED (Foto: AFP/Mohamad ABAZEED)

Heftigste Angriffe auf Provinz Daraa seit zwei Wochen

Syrische und russische Streitkräfte haben nach Angaben von Aktivisten am Donnerstag die heftigsten Angriffe auf die Provinz Daraa seit Beginn ihrer Offensive vor zwei Wochen geflogen. "Hunderte" Raketen und auch Fassbomben seien am frühen Morgen im Süden Syriens niedergegangen, teilte die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Der UN-Sicherheitsrat befasst sich am Donnerstag in einer Dringlichkeitssitzung mit der Offensive.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete aus dem von bewaffneten Rebellen gehaltenen Süden der Provinzhauptstadt Daraa von den stärksten Bombardements seit dem 19. Juni. Das syrische Staatsfernsehen zeigte Live-Bilder von großen schwarzen Rauchwolken nach den Luftangriffen. Der Sprecher des vereinten Rebellenkommandos für den Süden, Hussein Abazeed, sagte, die russische Luftwaffe verfolge eine "Politik der verbrannten Erde", um die aufständischen Kämpfer an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Nach den vorerst gescheiterten Verhandlungen zwischen den Rebellen und Vertretern Russlands über einen Abzug der Kämpfer aus ihren verbliebenen Zonen wolle die syrische Führung die Rebellengebiete "in die Hölle" verwandeln, erklärte die Beobachtungsstelle. Die Organisation, die den bewaffneten Regierungsgegnern nahesteht und deren Angaben nur schwer zu überprüfen sind, berichtete auch von Luftangriffen auf die Stadt Tafas im Nordwesten der Provinz sowie auf Gebiete nahe der jordanischen Grenze.

Der 47-jährige Samer Hamsi, der zusammen mit seiner Frau und vier Kindern aus der Stadt Daraa floh, berichtete AFP von "ununterbrochenen Bombardements". Die Menschen hätten Zuflucht unter Olivenbäumen oder in Zelten gesucht - ohne Trinkwasser oder medizinische Nothilfe in der Nähe. Den Luftangriffen seien sie schutzlos ausgesetzt.

In der Stadt Saida wurden der Beobachtungsstelle zufolge sechs Zivilisten getötet, darunter eine Frau und vier Kinder. Stunden später nahmen Regierungstruppen die Stadt vollständig ein. Erstmals seit drei Jahren eroberten die Truppen zudem einen Sicherheitsposten an der Grenze zu Jordanien.

Die syrische Armee geht seit dem 19. Juni mit Unterstützung russischer Kampfflugzeuge in einer großen Offensive gegen Rebellen im Süden des Landes vor. Nach UN-Angaben wurden seither bis zu 330.000 Menschen in die Flucht getrieben.

Die Provinz Daraa grenzt an Jordanien und an die zum größten Teil von Israel besetzten Golanhöhen. In den Grenzgebieten halten sich viele Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen auf. Weder Jordanien noch Israel will sie aufnahmen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte vor einer humanitären Krise und rief beide Staaten auf, ihre Grenzen zu öffnen.

Laut der Beobachtungsstelle ging inzwischen die Kontrolle über mehr als 30 Orte in Daraa an die Regierung über - teils gemäß entsprechender Vereinbarungen mit den Rebellen, teils durch gewaltsame Übernahme. Die Regierung von Baschar al-Assad kontrolliert demnach mittlerweile drei Fünftel der Provinz. Die Zahl der Toten seit Beginn der Offensive gab die Beobachtungsstelle mit 149 an, darunter 30 Kinder.

Die Rückeroberung von Daraa wäre für Assad ein wichtiger, auch symbolisch bedeutsamer Sieg. In der Provinz im ländlichen Süden des Landes begannen im März 2011 die Proteste gegen Assad. Sie weiteten sich zu einem landesweiten Konflikt aus, in dessen Verlauf seither mehr als 350.000 Menschen getötet wurden.

Der UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi beklagte vor der Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York, dass durch den Konflikt die Versorgung der Menschen mit Hilfsgütern von Jordanien aus behindert werde. Abermals würden tausende Menschen sterben, wenn es keine Sofortmaßnahmen gebe.


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