02.07.2018, 13:58 Uhr

Berlin (AFP) MDR: Kapitän der "Lifeline" musste in Malta seinen Pass abgeben

Die "Lifeline" legte am Mittwoch in Malta an. Quelle: AFP/Matthew Mirabelli (Foto: AFP/Matthew Mirabelli)Die "Lifeline" legte am Mittwoch in Malta an. Quelle: AFP/Matthew Mirabelli (Foto: AFP/Matthew Mirabelli)

Kapitän Reisch: "Die EU nimmt das Sterben in Kauf"

Der deutsche Kapitän des Rettungsschiffs "Lifeline" darf nach Informationen des MDR Malta vorerst nicht verlassen. Claus-Peter Reisch habe am Montag nach einer ersten Gerichtsanhörung in der maltesischen Hauptstadt Valletta seinen Pass abgeben müssen, berichtete der MDR. Die Behörden werfen dem 57-Jährigen vor, sich bei der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer behördlichen Anweisungen widersetzt und gegen internationales Recht verstoßen zu haben.

Nachdem die "Lifeline" in Malta angelaufen war, wurde der Kapitän zunächst mehrfach von der Polizei vernommen und dann vor Gericht gestellt. Er befindet sich auf freiem Fuß. Das Schiff sei unter Justiz-Verwaltung gestellt worden, berichtete der MDR weiter.

Reisch hatte vor dem Gerichtstermin das harte Vorgehen von EU-Staaten gegen zivile Seenotretter scharf kritisiert. "Die EU nimmt das Sterben aus politischen Gründen in Kauf. Das ist widerlich", erklärte er. Die EU-Politik versuche mit aller Macht, Seenotrettung zu verhindern. "Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird?", fragte er.

Reisch kritisierte auch die maltesische Justiz und erhob schwere Vorwürfe gegen die libysche Küstenwache. "Ich stehe hier vor Gericht, aber warum steht hier nicht die libysche Küstenwache?", fragte der "Lifeline"-Kapitän. Die Küstenwache Libyens habe seine Besatzung und ihn "noch vor kurzem mit dem Tod bedroht". Bei "Rettungen" der Küstenwache würden regelmäßig Migranten sterben.

Zugleich kündigte Reisch an, mit der Justiz zu kooperieren. Er werde vor Gericht Rede und Antwort stehen und zur Aufklärung beitragen. Er sei sich indes "keiner Schuld bewusst", aber seiner Crew "dankbar", dass die Rettung von 234 Flüchtlingen gelungen sei. Laut MDR soll das Verfahren am Donnerstag fortgesetzt werden. Sollte Reisch nicht erscheinen, drohe ihm ein Bußgeld in Höhe von 10.000 Euro.

Die "Lifeline" hatte vor mehr als einer Woche vor der libyschen Küste 234 Flüchtlinge gerettet und war danach tagelang über das Mittelmeer geirrt, weil Italien und Malta dem Schiff zunächst ein Anlegen verweigert hatten. Schließlich durfte sie in Malta anlegen. Die in Dresden ansässige Hilfsorganisation Mission Lifeline bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Der Chef der EU-Grenzschutzbehörde Frontex, Fabrice Leggeri, begrüßte indes die neuen Ansätze der europäischen Flüchtlingspolitik. Die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels bedeuteten "eine europäische Trendwende und das Ende einer gewissen Naivität" in Migrationsfragen, sagte Leggeri am Montag dem französischen Fernsehsender CNews.

In der Einigung der EU-Staaten von Freitag ist unter anderem die Einrichtung von Aufnahmezentren in Drittstaaten für im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge vorgesehen. Außerdem riefen die Staats- und Regierungschefs private Seenotretter auf, "die Einsätze der libyschen Küstenwache nicht zu beeinträchtigen".


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