19.06.2018, 14:49 Uhr

Berlin (AFP) 19-Jähriger gesteht Angriff auf Kippaträger in Berlin

Prozess wegen antisemitischen Angriffs auf Kippa-Träger. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Sina Schuldt (Foto: dpa/AFP/Archiv/Sina Schuldt)Prozess wegen antisemitischen Angriffs auf Kippa-Träger. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Sina Schuldt (Foto: dpa/AFP/Archiv/Sina Schuldt)

Angeklagter Syrer: "Ich hasse die Juden nicht"

Rund zwei Monate nach dem mutmaßlich antisemitisch motivierten Angriff mit einem Gürtel auf zwei Männer mit Kippas in Berlin hat der 19-jährige Tatverdächtige vor dem Amtsgericht Tiergarten ein Geständnis abgelegt. Der Syrer gab am Dienstag zu, im April zwei Kippa tragende Männer beleidigt und einen davon mit seinem Gürtel geschlagen zu haben. Ein 21-jähriger Israeli wurde dabei leicht verletzt. Den Antisemitismusvorwurf wies der Angeklagte jedoch entschieden zurück.

In seiner Aussage gab der 19-Jährige an, vor der Tat sehr viel gekifft zu haben und daher sehr müde gewesen zu sein. Zudem habe sein Opfer ihn zuerst beleidigt, weshalb er sich im Recht gesehen und keine Angst vor Konsequenzen gehabt habe, als er zuschlug.

Mit Politik und Religion habe er nichts zu tun. "Ich hasse weder die Juden noch die Christen noch irgendwen anders", sagte der 19-Jährige. "Wenn ich die Juden wirklich hassen würde, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen - dann wäre ich doch nach Palästina gegangen", fügte er hinzu. Darüber hinaus seien ihm die Kippas der beiden Männer erst gegen Ende der Auseinandersetzung aufgefallen.

Das israelische Opfer widersprach der Aussage des Angeklagten entschieden. Der Tiermedizinstudent und sein Freund seien zuerst von dem Angeklagten und dessen Begleitern beleidigt worden, sagte er in seiner Vernehmung. Der Angreifer habe ihn dann mehrfach mit einem Gürtel auf Bein, Hüfte und ins Gesicht geschlagen. Vor Schmerzen habe der 21-Jährige in den darauffolgenden Tagen kaum schlafen können.

"Seelisch war es danach noch schlimmer als körperlich", sagte er. Es sei schwierig, täglich an der Stelle vorbeizugehen, wo sich der Vorfall ereignete. "Ich fühle mich einfach unsicher", sagte er. "Berlin war für mich immer eine Traumstadt, in der man in Frieden leben kann - doch ich glaube nicht, dass ich die Kippa noch einmal aufsetzen werden, wenn ich allein unterwegs bin."

Nach der Aussage des Opfers ergriff der Angeklagte noch einmal das Wort, um sich zu entschuldigen. "Ich entschuldige mich aber nur dafür, dass ich ihn geschlagen habe, für mehr nicht", sagte der 19-Jährige.

Die nächste Zeugin, eine 44-jährige Hamburgerin, bemerkte den Vorfall nach eigenen Angaben von der Terrasse eines Restaurants aus. Ihr sei sofort aufgefallen, dass die beiden Kippa tragenden Männer von einer Gruppe arabisch aussehender Männer beleidigt worden seien, sagte sie. Nach der lautstarken körperlichen Auseinandersetzung, die in einer Nebenstraße und somit außerhalb ihres Sichtfelds stattgefunden habe, sei sie schließlich eingeschritten. "Aufhören - oder ich rufe die Polizei", habe sie auf Englisch gerufen.

Der Angeklagte sei dann auch auf sie zugekommen. Sein Auftreten beschrieb die Zeugin als "sehr aggressiv" und "angespannt". Die 44-Jährige habe dann einen "kurzen politischen Vortrag" gehalten, in dem sie erklärt habe, dass "wir hier in Deutschland sind und so etwas hier nicht gemacht wird". "Ich bin Palästinenser", soll der Angeklagte daraufhin entgegnet haben.

Der Gürtelangriff im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hatte bundesweit für Empörung gesorgt und eine anhaltende Debatte über Antisemitismus in Deutschland ausgelöst. Zu der Verhandlung sind acht Zeugen geladen. Der Angeklagte wird mit 19 Jahren als Heranwachsender eingestuft und befindet sich damit zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht. Das Strafmaß hängt davon ab, welches Recht das Gericht anwendet.

Wegen der unerwartet langen Dauer der Vernehmungen und der großen Zahl geladener Zeugen setzte das Gericht bereits einen weiteren Verhandlungstag an, ein dritter könnte noch hinzukommen. Der nächste Verhandlungstag ist für kommenden Montag angesetzt.


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