15.06.2018, 11:05 Uhr

Paris (AFP) OECD: Sozialer Aufstieg kann in Deutschland sechs Generationen dauern

Auch bei der Bildung ist die soziale Mobilität gering. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Martin Schutt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Martin Schutt)Auch bei der Bildung ist die soziale Mobilität gering. Quelle: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Martin Schutt (Foto: dpa/dpa/picture-alliance/Archiv/Martin Schutt)

Nachkommen armer Familien erreichen Durchschnittseinkommen erst nach 180 Jahren

In Deutschland sind die Aufstiegschancen für Kinder aus armen Familien immer noch geringer als in vielen anderen Industrieländern. In Deutschland könne es sechs Generationen oder 180 Jahre dauern, bis Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen, erklärte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag. Der Durchschnitt in 24 untersuchten Mitgliedsländern der OECD liegt demnach bei fünf Generationen.

Genauso schlecht wie Deutschland schneiden Frankreich und Chile ab. Noch länger dauert der soziale Aufstieg laut OECD mit neun Generationen in Brasilien und Südafrika. Schlusslicht ist Kolumbien mit elf Generationen. Am besten schneidet Dänemark mit zwei Generationen ab. In Norwegen, Finnland und Schweden dauert der soziale Aufstieg drei Generationen.

In den meisten OECD-Ländern gebe es praktisch keine "soziale Mobilität" mehr, kritisierte die OECD-Expertin Gabriela Ramos bei der Vorstellung des Berichts in Paris. "Das Einkommen, der Beruf und das Bildungsniveau werden von einer Generation an die andere weitergegeben."

In Deutschland haben dem Bericht zufolge 42 Prozent der Söhne von geringverdienenden Vätern selbst einen niedrigen Verdienst - deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt, der bei 31 Prozent liegt. Nur neun Prozent von ihnen gelangen in die höchste Verdienstgruppe - halb so viele wie im OECD-Durchschnitt. Am oberen Ende der Einkommensverteilung werden dagegen 50 Prozent der Kinder, deren Väter einen hohen Verdienst haben, selbst einmal gut verdienen.

Auch bei der Bildung und beim Berufsstatus ist die Mobilität in Deutschland gering: 53 Prozent der Kinder, deren Eltern einen höheren Abschluss haben, erreichen laut OECD selbst einen höheren Abschluss. Dies schaffen aber nur elf Prozent der Kinder mit niedrig gebildeten Eltern. Fast jedes zweite Kind einer Führungskraft wird selber einmal Führungskraft, verglichen mit nur einem von vier Kindern aus Arbeiterfamilien.

Insgesamt sei die Mobilität zwischen Generationen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern also eher niedrig, schlussfolgert die OECD. Eine entscheidende Rolle spiele dabei das deutsche Bildungssystem: Der Studie zufolge verringern unter anderem der Mangel an Kitaplätzen für Kinder unter drei Jahren und fehlende Ganztagsschulen sowie die frühe Trennung der Schüler im mehrgliedrigen Schulsystem die Chancen für Kinder aus bescheidenen Verhältnissen, eventuelle Bildungsrückstände aufzuholen.


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