30.05.2018, 13:07 Uhr

Kiew (AFP) Kremlkritischer russischer Journalist in Ukraine erschossen

Wohnhaus des getöteten Journalisten in Kiew . Quelle: AFP/Sergei SUPINSKY (Foto: AFP/Sergei SUPINSKY)Wohnhaus des getöteten Journalisten in Kiew . Quelle: AFP/Sergei SUPINSKY (Foto: AFP/Sergei SUPINSKY)

Moskau verwahrt sich gegen Schuldzuweisungen aus Kiew

Ein prominenter kremlkritischer Journalist ist in der Ukraine ermordet worden. Die Täter schossen Arkadi Babschenko am Dienstag im Treppenhaus seines Wohngebäudes drei Mal in den Rücken, wie die ukrainische Polizei mitteilte. Seine Frau fand den 41-Jährigen blutüberströmt auf, er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus. Die ukrainische Regierung verdächtigte Russland, den Anschlag angeordnet zu haben. Russland wies die Anschuldigung empört zurück.

Vor zwei Jahren hatte Babschenko Russland verlassen, wo er als scharfzüngiger Kreml-Kritiker Repressionen ausgesetzt war. In Moskau hatte er für die oppositionelle Zeitung "Nowaja Gaseta" und den liberalen Radiosender Moskauer Echo gearbeitet. Zuletzt betätigte Babschenko von Kiew aus für den krimtatarischen ukrainischen Sender ATR und betrieb einen sehr aktiven Internet-Blog.

Babschenko hatte sich als unerschrockener und bisweilen aggressiver Kritiker der russischen Politik profiliert. Dem Kreml warf er immer wieder vor, Oppositionelle zu ermorden und die Kriege in der Ostukraine und in Syrien zu schüren.

Der ukrainische Ministerpräsident Wolodimir Groisman beschrieb die Tat als Werk der "totalitären Maschinerie Russlands". Babschenko habe "der Welt die Wahrheit über die russische Aggression gezeigt". Ein Vertreter des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, schrieb nach der Tat: "Das Putin-Regime zielt auf diejenigen ab, die es nicht brechen oder einschüchtern kann."

Russlands Außenminister Sergej Lawrow verwahrte sich gegen Schuldzuweisungen aus der Ukraine. "Die Ermittlungen haben noch nicht einmal begonnen", sagte er in Moskau. "Es ist sehr traurig, auf diese Art Außenpolitik zu betreiben."

Ein Kreml-Sprecher verurteilte den Anschlag scharf und forderte "wahrhaftige Ermittlungen" zu den Drahtziehern. Die Ukraine sei ein "sehr gefährlicher Ort" für Journalisten geworden, sagte er. Russland habe eigene Ermittlungen zu dem Fall eingeleitet.

Die Bundesregierung zeigte sich in Berlin "entsetzt und erschüttert" über den Mordanschlag und forderte Aufklärung. Das Auswärtige Amt kündigte für Donnerstag und Freitag einen Besuch von Außenminister Heiko Maas (SPD) in der Ukraine an.

Oppositionelle und regierungskritische Medien reagierten erschüttert auf den Mordanschlag. Oppositionsführer Alexej Nawalny äußerte sich "schockiert" und zeigte sich überzeugt, dass Babschenko wegen seiner "öffentlichen politischen Positionen" getötet worden sei.

Der "Nowaja-Gaseta"-Journalist Pawel Kanigin bezeichnete Babschenkos Ermordung als "Terroranschlag auf die Journalisten sowohl in Russland als in der Ukraine". Der Anschlag habe "dem Ehrlichsten, Lautesten und Tapfersten von uns" gegolten.

Regierungskritiker werteten Babschenkos Ermordung als beunruhigendes Signal. Die Tat zeige, "dass das Vaterland außerhalb seiner Grenze tötet", schrieb Sergej Medwedjew, Professor an der Moskauer Wirtschaftshochschule. Die in Frankreich lebende russische Journalistin Natalia Geworkjan rief die USA und die EU auf, oppositionelle russische Emigranten zu schützen.

Babschenko hatte in den 90er und frühen 2000er Jahren in den Tschetschenien-Kriegen gekämpft, ehe er sich als Kriegsreporter öffentliches Ansehen erwarb. Im Februar 2017 verließ er Russland, nachdem er nach eigenen Angaben Todesdrohungen erhalten hatte. Er lebte zunächst in Tschechien, später in Israel und schließlich in Kiew.

Der Journalist war innerhalb der russischen Opposition nicht unumstritten. Manche Oppositionelle hielten Babschenko vor, mit aggressiver Kritik übers Ziel hinauszuschießen. Pawel Kanigin von der "Nowaja Gaseta" schrieb nach seinem Tod: "Er hat jeden Tag derart dreist aus der Hüfte geschossen, dass manchmal auch diejenigen, die ihm nahestanden, Unbehagen empfanden."

Babschenko ist der zweite Kreml-Kritiker, der binnen zwei Jahren in Kiew ermordet wurde. 2016 war der Oppositionelle Pawel Scheremet bei der Explosion seines Autos getötet worden. Die Tat wurde nie aufgeklärt.


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