23.05.2018, 11:20 Uhr

Washington (AFP) US-Bürgerrechtler warnen vor Missbrauch von Gesichtserkennung durch Polizei

Überwachungsbilder. Quelle: AFP/Archiv/SAUL LOEB (Foto: AFP/Archiv/SAUL LOEB)Überwachungsbilder. Quelle: AFP/Archiv/SAUL LOEB (Foto: AFP/Archiv/SAUL LOEB)

Appell an Amazon: Software soll nicht mehr an Behörden geliefert werden

Aus Sorge vor einer grenzenlosen Überwachung der Bevölkerung haben Bürgerrechtler in den USA einen dringenden Appell an Amazon gerichtet: Der Technologiekonzern solle seine Software zur automatischen Gesichtserkennung nicht mehr der Polizei zur Verfügung stellen, heißt es in einem am Dienstag (Ortszeit) veröffentlichten Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos. Die Software lade geradezu zum Behördenmissbrauch ein und eigne sich als Instrument zur Errichtung eines autoritären Überwachungsstaats.

"Wenn ein gefährliches Überwachungssystem wie dieses erst einmal gegen die Öffentlichkeit gerichtet ist, kann der Schaden nicht ungeschehen gemacht werden", warnte Nicole Ozer von der einflussreichen Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU), die den Appell mit mehr als 30 weiteren Organisationen gestartet hat. Den Aktivisten liegen nach eigenen Angaben Dokumente vor, die den Einsatz der Software durch die Polizei belegen.

Die Sorge der Bürgerrechtler gilt dem Amazon-Programm Rekognition, das Gesichter auf Foto- oder Videoaufnahmen mit einer Datenbank abgleichen und dadurch identifizieren kann. Mithilfe dieser Technologie könnten etwa die Teilnehmer einer Demonstration namentlich benannt oder detaillierte Bewegungsprofile von Immigranten erstellt werden, heißt es in dem Brief der Bürgerrechtler.

Nutzer der Software können also in großem Umfang ermitteln, wer sich wann und wo mit wem im öffentlichen Raum aufhält. "Bürger sollten frei auf der Straße herumlaufen können, ohne dass sie dabei von der Regierung beobachtet werden", heißt es in dem Brief. "Amazon Rekognition ist auf den Missbrauch durch Regierungen angelegt." Die Werbematerialien des Konzerns läsen sich "wie eine Gebrauchsanweisung für autoritäre Überwachung".

Die Bürgerrechtler verwiesen darauf, dass das Programm gerade für die nicht-weiße Bevölkerung und Einwanderer eine Gefahr sei, da deren Viertel oft unter besonderer Kontrolle durch die Polizei stünden. In solchen Gegenden könnte die Gesichtsüberwachung die bürgerlichen Freiheiten "de facto eliminieren", heißt es in dem Brief.

Eine ACLU-Untersuchung hatte ergeben, dass Amazon sein Gesichtserkennungsprogramm verschiedenen Strafverfolgungsbehörden in den USA zur Verfügung gestellt hat. Die Organisation veröffentlichte Korrespondenz darüber zwischen Amazon und Polizeibehörden in Florida, Arizona und anderen US-Bundesstaaten.

Amazon gehört zu den führenden Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Auch andere Unternehmen bieten den Behörden Gesichtserkennungsprogramme an und sorgen damit bei Bürgerrechtsaktivisten für Beunruhigung. Sie warnen, die Behörden könnten riesige biometrische Datenbanken anlegen und damit einen Überwachungsstaat aufbauen.

Amazon hebt auf seiner Webseite hervor, Rekognition könne etwa bei der Suche nach Vermissten helfen. Mit dem Programm können aber auch Einzelhändler die emotionalen Reaktionen von Kunden auf ihr Angebot analysieren.

Voraussetzung für die Gesichtserkennung ist, dass das betreffende Gesicht in einer Datenbank gespeichert ist, mit der die aktuellen Bildaufnahmen abgeglichen werden können. Bei einem Treffer lässt sich so der Name ermitteln. In den USA haben solche Speicherungen bereits ein großes Ausmaß erreicht.

2016 hatte eine Untersuchung der Georgetown University in Washington ergeben, dass in den USA jeder zweite Erwachsene, also 117 Millionen Menschen, in Gesichtserkennungsdatenbanken der Strafverfolgungsbehörden auftauchen - meist ohne ihr Wissen und ohne klare Regelung für die Speicherung dieser Daten.

Weltweiter Vorreiter bei der Gesichtserkennung ist das autoritär regierte China. Dort haben die Behörden bereits ein umfassendes Überwachungssystem installiert, mit dem sie die Bürger auf Schritt und Tritt verfolgen können.


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