20.05.2018, 13:42 Uhr

Havanna (AFP) Nach Flugzeugabsturz mit 110 Toten in Kuba laufen Ermittlungen an

Das Wrack der abgestürzten Maschine. Quelle: AFP/Adalberto ROQUE (Foto: AFP/Adalberto ROQUE)Das Wrack der abgestürzten Maschine. Quelle: AFP/Adalberto ROQUE (Foto: AFP/Adalberto ROQUE)

Flugschreiber gefunden - Drei Überlebende ringen mit dem Tod

Nach dem Flugzeugabsturz in Kuba mit 110 Toten sind die Ermittlungen zur Unglücksursache angelaufen. Am Samstag wurde einer der beiden Flugschreiber gefunden. Das Gerät sei in einem "guten Zustand", sagte Kubas Verkehrsminister Adel Yzquierdo. Die Ärzte kämpften weiter um das Leben der drei Frauen, die den Absturz am Freitag überlebt hatten. Ein Ex-Pilot der mexikanischen Fluggesellschaft, der die Unglücksmaschine gehörte, berichtete über Missstände bei dem Unternehmen.

Nach dem tödlichsten Flugzeugunglück in Kuba seit fast 30 Jahren begann am Samstag eine zweitägige Staatstrauer. Die Fahnen wurden landesweit auf Halbmast gesetzt. Kubas neuer Präsident Miguel Díaz-Canel besuchte die Überlebenden im Krankenhaus und sprach mit Hinterbliebenen, die in einem gerichtsmedizinischen Institut in Havanna ihre toten Angehörigen identifizieren sollten.

Die Boeing 737-200 war am Freitag kurz nach ihrem Start in Havanna mit 107 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern abgestürzt. Der Inlandsflug sollte ins 670 Kilometer östlich gelegene Holguín gehen. Kurz nach dem Start stürzte sie auf ein Feld in der Nähe des Flughafens José Marti.

Augenzeugen zufolge stürzte die Maschine ab, als sie die erste Kurve flog. Der 21-jährige Yasniel Díaz sagte, der Pilot habe offenbar noch eine Notlandung machen wollen, dies aber nicht mehr geschafft. Die folgende Explosion habe "alles erschüttert", sagte Díaz.

Bei den Toten handelt es sich nach Regierungsangaben um 99 Kubaner, sechs mexikanische Besatzungsmitglieder und einen Touristen aus Mexiko sowie ein argentinisches Paar und zwei Passagiere aus West-Sahara. Drei Kubanerinnen überlebten den Absturz. Sie wurden mit lebensbedrohlichen Verletzungen in ein Krankenhaus in Havanna gebracht. Ihr Zustand sei "äußerst kritisch", sagte Klinikchef Carlos Martínez. Nur eine der Patientinnen habe bislang das Bewusstsein wiedererlangt.

Aufschluss über die Absturzursache erhoffen sich die Ermittler von dem Flugdatenschreiber und dem Stimmenrekorder der Unglücksmaschine. Nach dem Fund der ersten Black Box äußerte sich Verkehrsminister Yzquierdo zuversichtlich, dass auch der zweite Flugschreiber bald geborgen werde.

Die staatliche Fluggesellschaft Cubana de Aviación hatte die Maschine samt Besatzung von der mexikanischen Airline Global Air, auch bekannt als Aerolíneas Damojh, gechartert. Das Flugzeug wurde laut Global Air 1979 gebaut und war zuletzt im November in der Inspektion. Dabei sei kein Regelverstoß festgestellt worden, teilte die mexikanische Verkehrsbehörde mit.

Mexikos zivile Luftfahrtbehörde kündigte am Samstag an, Global Air werde einer außerordentliche Prüfung unterzogen. Zudem wurden mexikanische Experten nach Havanna entsandt, um die kubanischen Behörden zu unterstützen. Der Flugzeughersteller Boeing stellte ebenfalls ein Team von Technikern bereit, um bei den Ermittlungen zu helfen.

Ein früherer Global-Air-Pilot berichtete in einem Interview über Missstände bei der Fluglinie. Marco Aurelio Hernández sagte der Zeitung "Milenio", er habe von 2005 bis 2013 bei Global Air gearbeitet und dabei auch die am Freitag abgestürzte Boeing 737-200 geflogen.

Wegen Sicherheitsmängeln bei der mexikanischen Fluggesellschaft habe er 2013 bei der mexikanischen Verkehrsbehörde Beschwerde eingereicht, sagte Hernández. Dabei sei es um die mangelhafte Wartung der Flugzeuge gegangen. Eine Sprecherin von Global Air bestätigte, dass Hernández bei der Fluggesellschaft gearbeitet habe. Zu seiner Beschwerde wollte sie sich aber nicht äußern.

Die Nachricht von dem Absturz sorgte auch in Mexiko für Erschütterung. In der Hauptstadt Mexiko-Stadt versammelten sich besorgte Kollegen und Angehörige von Mitarbeitern vor dem Sitz von Global Air. Einige weinten und hielten sich in den Armen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte in einem Kondolenztelegramm an Kubas Präsident Díaz-Canel, die Nachricht vom Absturz der Passagiermaschine habe sie "mit tiefer Trauer erfüllt". Auch die Regierungen mehrerer lateinamerikanischer Länder, der russische Staatschef Wladimir Putin sowie Papst Franziskus bekundeten ihre Anteilnahme.


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