04.05.2018, 16:38 Uhr

Trier (AFP) Streit um Karl-Marx-Statue in Trier überschattet Festakt

Marx-Skulptur in Trier. Quelle: dpa/AFP/Harald Tittel (Foto: dpa/AFP/Harald Tittel)Marx-Skulptur in Trier. Quelle: dpa/AFP/Harald Tittel (Foto: dpa/AFP/Harald Tittel)

Juncker mahnt zu Fairness: "Marx ist nicht für alle Gräuel verantwortlich"

Die Stadt Trier gedenkt ihres berühmten Sohnes Karl Marx: Bei einem Festakt in der Konstantin-Basilika mahnte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Freitag einen fairen Umgang mit dem Philosophen an: "Marx ist nicht für alle Gräuel verantwortlich, die seine vermeintlichen Erben zu verantworten haben", sagte er. Überschattet wurde der Festakt vom Streit über eine Marx-Statue, die die Volksrepublik China der Stadt Trier geschenkt hat.

Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland hatte kurz vor Beginn des Festakts unter Verweis auf die Menschenrechtslage in China gefordert, die Statue vorerst nicht einzuweihen: Sie solle erst dann eingeweiht werden, wenn die Witwe des verstorbenen chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, Liu Xia, aus dem Hausarrest entlassen sei. Liu Xia hatte kürzlich geäußert, sie wolle lieber sterben als weiter in Hausarrest zu bleiben.

PEN-Vizepräsident Ralf Nestmeyer schrieb in einem offenen Brief an Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD): "Es wäre ein deutliches Signal, wenn Sie sich mit unserem gesundheitlich schwer angeschlagenen Ehrenmitglied Liu Xia solidarisieren würden, um damit ein Zeichen für Meinungsfreiheit zu setzen, das weit über die Stadt Trier hinausstrahlen könnte." Die Marx-Statue soll am Samstagvormittag in Trier enthüllt werden.

Beim Festakt in der Trierer Basilika bemühten sich die Redner, dem schwierigen Erbe von Marx gerecht zu werden. Der als Festredner geladene EU-Kommissionspräsident Juncker rief dazu auf, die große intellektuelle Leistung von Marx vom politischen Missbrauch durch spätere Generationen zu trennen.

Dass "einige der späteren Jünger" von Karl Marx dessen Überlegungen "als Waffe gegen andere ergriffen haben, dafür kann man Karl Marx nicht zur Verantwortung ziehen", sagte der luxemburgische Christdemokrat. Marx müsse aus seiner Zeit heraus verstanden werden: "Man konnte sich nicht in den damals herrschenden Frühkapitalismus verlieben. Man kann ja heute auch noch nicht sich in einen blinden besinnungslosen Kapitalismus verlieben."

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte: "Wer heute von Kommunismus spricht, darf über Gewalt, Diktatur und Unfreiheit nicht schwiegen." Gerade jetzt "dürfen wir die Opfer nicht vergessen". Sie verwies auf die Ausstellungen, die das Marx-Gedenken in Trier historisch-kritisch begleiten.

Die SPD-Politikerin stellte sich in einem Interview mit dem SWR hinter die Entscheidung der Stadt zur Aufstellung der Marx-Statue. Die Debatte im Stadtrat darüber habe sie als konstruktiv erlebt. "Wir pflegen einen guten Kontakt zu China", hob Dreyer hervor. Menschenrechtsverletzungen seien nicht zu akzeptieren, aber es sei wichtig, "dass man die Brücke eher weiter baut und das Verhältnis intensiviert".

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer äußerte sich hingegen kritisch. "Wenn man sich die Gesamtwirkung von Marx auf die Geschichte der Menschheit anschaut, besteht zum fröhlichen Feiern kein Anlass", schrieb sie in einem Gastbeitrag für die "Rheinische Post". Seine Ideologie und die Wirkung seines Denkens würden aus ihrer Sicht "jetzt wieder zu stark verklärt".

China will derweil nach dem Willen von Präsident Xi Jinping weiterhin "die Fahne des Marxismus hochhalten". Karl Marx sei "der größte Denker der Neuzeit", sagte Xi bei einer Veranstaltung in Peking. In der Großen Halle des Volkes nannte er Marx "den revolutionären Lehrer des Proletariats und arbeitender Menschen überall auf der Welt". Der Marxismus hat trotz Jahrzehnten des marktgesteuerten Wachstums in China bis heute eine große Bedeutung.

Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren, er starb am 14. März 1883 in London.


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