24.04.2018, 17:37 Uhr

Toronto (AFP) Amokfahrer von Toronto des zehnfachen Mordes beschuldigt


Rätselraten über Motiv - Kanadas Regierungschef mahnt zur Besonnenheit

Nach der Amokfahrt von Toronto ist der mutmaßliche Täter des zehnfachen Mordes beschuldigt worden. Die Staatsanwaltschaft legte dem 25-jährigen Alek Minassian am Dienstag außerdem versuchten Mord in 13 Fällen zur Last. Über sein Motiv herrscht weiter Unklarheit. Minassian wird vorgeworfen, am Montag vorsätzlich mit einem Lieferwagen in eine Gruppe von Fußgängern gerast zu sein. Zehn Menschen wurden getötet, 15 weitere verletzt.

Minassian saß mit Handschellen und rasiertem Kopf auf der Anklagebank. Der Termin in einem Gericht in Toronto dauerte nur wenige Minuten. Die nächste Anhörung wurde für den 10. Mai angesetzt. Der 25-Jährige, der aus dem Norden Torontos stammt, war bislang nicht im Visier der Sicherheitsbehörden. Über sein Motiv herrscht weiterhin Rätselraten.

Die Regierung sieht bislang keine Anzeichen für einen Anschlag nach dem Vorbild islamistischer Attentäter, die in den vergangenen Jahren in mehreren europäischen Städten mit Autos und Lastwagen tödliche Attacken verübt hatten. Der für die öffentliche Sicherheit zuständige Minister Ralph Goodale sagte, "auf der Grundlage aller verfügbaren Informationen" sei nicht davon auszugehen, dass eine Gefahr für die nationale Sicherheit bestehe.

Regierungschef Justin Trudeau verurteilte die "sinnlose Attacke". Er rief die Kanadier auf, "nicht in Angst zu leben" und ihre Lebensgewohnheiten beizubehalten. "Wir müssen ein offenes und freies Land bleiben", sagte Trudeau.

Die Tat hatte sich am Montag gegen 13.30 Uhr (Ortszeit, 19.30 Uhr MESZ) auf der belebten Yonge Straße in Kanadas größter Stadt ereignet. Der Fahrer lenkte den Lieferwagen von der Straße mit voller Geschwindigkeit auf den Gehsteig. Zehn Menschen wurden getötet. 15 Fußgänger wurden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Unter den Toten waren nach Angaben des südkoreanischen Außenministeriums zwei Südkoreaner, zwei weitere Südkoreaner seien lebensgefährlich verletzt worden.

"Ich saß im Auto, als ich plötzlich einen weißen Lieferwagen sah, der auf den Gehweg fuhr und die Menschen niedermähte", sagte der Augenzeuge Alex Shaker dem Fernsehsender CTV. Die Fußgänger seien durch die Luft geschleudert worden. Der Fahrer sei im "Zickzackkurs" über den Gehweg gefahren, sagte Rocco Cignielli der Nachrichtenagentur AFP. Ein anderer Augenzeuge sagte dem örtlichen Fernsehsender CP24, der Lieferwagen sei "in alles hineingerast".

Der Wagen wurde schließlich auf dem Gehweg gestoppt. Polizeifahrzeuge umringten den Wagen. Der mutmaßliche Fahrer, ein korpulenter Mann, stellte sich einem Polizisten aggressiv in den Weg. Der Mann richtete ein Objekt auf den Beamten und rief "Töte mich", wie auf Videoaufnahmen zu sehen war, die in den sozialen Netzwerken kursierten.

Der Polizist zeigte sich davon unbeeindruckt, er ging auf den Verdächtigen zu und legte ihm Handschellen an. Wie die Polizei später mitteilte, war der Fahrer unbewaffnet.

An seiner Berufsschule galt Minassian als Einzelgänger. Mitschüler beschrieben ihn als verschlossen. Minassian habe sich oft "ziemlich seltsam verhalten", aber niemals gewalttätig, sagte einer von ihnen dem Sender CBS.

Die Todesfahrt ereignete sich kurz nach einem Treffen der G7-Außenminister in Toronto, an dem auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) teilgenommen hatte, bevor er weiter nach New York reiste. Außerdem tagten in Toronto die Minister für öffentliche Sicherheit der sieben führenden Industrienationen.

Dies sei ein "schreckliches Verbrechen", schrieb Maas bei Twitter. Auch das Weiße Haus in Washington zeigte sich in einer Erklärung bestürzt. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, derzeit auf Staatsbesuch in den USA, versicherte Kanada seine "tiefe Solidarität". Sicherheitsminister Goodale sagte, er habe keine Hinweise, dass sich der Vorfall gegen das G7-Treffen gerichtet habe.

Zuletzt hatte es bei einer ähnlichen Amokfahrt im westfälischen Münster Anfang des Monats zwei Todesopfer gegeben. Das Attentat hatte nach offiziellen Angaben keinen politischen Hintergrund.


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