08.04.2018, 18:58 Uhr

Beirut (AFP) Entsetzen über mutmaßlichen Chemiewaffenangriff der Regierungstruppen in Syrien


Moskau weist Vorwürfe zurück und warnt USA vor Militäreinsatz in Syrien

Ein mutmaßlicher Chemiewaffenangriff auf die syrische Rebellenhochburg Duma hat international Empörung und Entsetzen ausgelöst. Nach Angaben syrischer Rettungskräfte wurden bei dem Angriff mit giftigem Chlorgas am Samstagabend fast 50 Menschen getötet und hunderte weitere verletzt. US-Präsident Donald Trump erklärte, die Verantwortlichen müssten einen "hohen Preis" bezahlen. Moskau wies die Berichte zurück und warnte die USA, dies als "Vorwand" für einen Militäreinsatz in Syrien zu nutzen. Frankreich beantragte für Montag eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats.

Die syrischen Hilfsorganisationen Weißhelme und Syrian American Medical Society berichteten in einer gemeinsamen Erklärung, nach einem Luftangriff am Samstagabend seien mehr als 500 Menschen mit Symptomen einer Chlorgasvergiftung in Behandlungszentren eingeliefert worden. Nach ihren Angaben starben sechs Opfer im Krankenhaus, Rettungshelfer bargen zudem 42 Leichen mit Anzeichen einer Chlorgasvergiftung aus Wohnhäusern.

Von den Weißhelmen veröffentlichte Videos zeigten am Boden liegende und sich krümmende Opfer mit Schaum vor dem Mund. Andere Bilder zeigten, wie Mediziner reglosen Kindern Sauerstoffmasken aufs Gesicht drückten. Der Klinikarzt Mohammed sagte AFP am Telefon, allein in sein Krankenhaus seien mehr als 70 Menschen mit Atemnot eingeliefert worden. "Wir haben nur vier Beatmungsgeräte. Die Lage ist sehr, sehr tragisch. Ich arbeite seit vier Jahren hier, und so etwas wie in den vergangenen Stunden habe ich noch nie erlebt."

Das US-Außenministerium forderte, die Regierung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad sowie ihre Verbündeten müssten zur Verantwortung gezogen. US-Präsident Trump wies Russland und dem Iran eine Mitverantwortung zu, da sie das "Vieh" Assad unterstützten.

Moskau warnte die USA, eine Militärintervention "unter erfundenen Vorwänden" in einem Land, wo sich "auf Bitten der legitimen syrischen Regierung russische Soldaten aufhalten", wäre "inakzeptabel und könnte schwerste Konsequenzen haben", wie das russische Außenministerium erklärte. Auch die syrische Regierung und ihr zweiter wichtiger Verbündeter, der Iran, wiesen die Giftgas-Vorwürfe zurück.

Genau vor einem Jahr hatten die USA einen syrischen Luftwaffenstützpunkt nach einem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff mit dem Nervengas Sarin mit Marschflugkörpern bombardiert. Auf die Frage, ob jetzt eine ähnliche Reaktion denkbar sei, sagte US-Heimatschutzberater Tom Bossert dem Sender ABC, er wolle "nichts ausschließen".

Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian erklärte, Frankreich werde angesichts des mutmaßlichen Giftgasangriffs "seine Pflicht tun". In der Vergangenheit hatte Paris mehrfach gewarnt, ein weiterer Einsatz von Chemiewaffen in Syrien sei eine "rote Linie", auf die Frankreich mit einem Militäreinsatz antworten könne.

Die EU hält die Berichte über einen Chemiewaffenangriff auf die syrische Rebellen-Hochburg Duma für glaubwürdig. Alles deute darauf hin, dass die syrische Regierung erneut Chemiewaffen eingesetzt habe, erklärte der Auswärtige Dienst der EU am Sonntag in Brüssel.

Auch die Bundesregierung erklärte, vieles deute darauf hin, dass die syrische Regierung erneut international geächtete Waffen eingesetzt und "Unschuldige auf grausame Art und Weise getötet" habe.

Der syrischen Regierung wurde bereits wiederholt der Einsatz von chemischen Waffen in dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg vorgeworfen. So machte die UNO Regierungstruppen für einen Angriff mit dem Giftgas Sarin im April 2017 verantwortlich, bei dem mehr als 80 Menschen getötet wurden.

Unterdessen einigte sich die syrische Regierung laut Berichten der Staatsmedien mit der Rebellengruppe Dschaisch al-Islam auf eine Evakuierung von Duma. Sämtliche verbliebenen Rebellenkämpfer sollten die vor den Toren von Damaskus gelegene Stadt binnen 48 Stunden verlassen, berichtete Sana am Sonntag. Duma ist das letzte Gebiet in der Region Ost-Ghuta, das bislang noch in der Hand der überwiegend islamistischen Aufständischen ist.


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