17.03.2018, 14:59 Uhr

Beirut (AFP) Hunderttausende Zivilisten auf der Flucht aus Afrin und Ost-Ghuta


Beobachtungsstelle meldet 16 Tote bei Angriff auf Krankenhaus in Afrin

In Syrien sind hunderttausende Menschen auf der Flucht vor den Kämpfen in der Kurdenregion Afrin und der Rebellenenklave Ost-Ghuta. Allein aus der Stadt Afrin flohen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Mittwochabend mehr als 200.000 Bewohner. Bei neuerlichen Luftangriffen auf die Region Ost-Ghuta wurden demnach am Samstag mindestens 36 Zivilisten getötet. Ein Flüchtlingstreck von rund 10.000 Menschen strömte am Samstagmorgen aus der Enklave.

Am Nordrand der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Afrin gab es laut Beobachtungsstelle in der Nacht zum Samstag heftige Kämpfe. Die türkischen Truppen und die mit ihnen verbündeten syrischen Islamistenmilizen versuchten, in die Stadt vorzudringen.

Die türkische Armee wies unterdessen den Vorwurf zurück, das Krankenhaus von Afrin beschossen zu haben. Ankara hatte bereits wiederholt erklärt, die Armee tue bei ihrer am 20. Januar gestarteten Offensive "Operation Olivenzweig" alles, um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Margarete Bause, Sprecherin für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, erklärte, Ankara müsse zu den Vorwürfen Stellung beziehen. Sollten sie sich bewahrheiten, müssten die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Die Europäische Union und insbesondere Deutschland dürften angesichts einer solchen "eklatanten Missachtung des Völkerrechts" nicht schweigen.

Afrin ist beinahe vollständig von türkischen Truppen umzingelt. Lediglich im Süden gibt es einen Fluchtkorridor, der es den Bewohnern ermöglicht, die Stadt in Richtung der von Kurden oder der syrischen Regierung kontrollierten Gebiete zu verlassen. Ziel der türkischen Armee ist es nach Angaben der Regierung in Ankara, Afrin von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zu "säubern" und eine "Pufferzone" an der türkisch-syrischen Grenze einzurichten.

Ankara sieht die YPG wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation. Die YPG sind mit den USA im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) verbündet. Deshalb sorgt die türkische Offensive für Irritationen zwischen Washington und Ankara, die beide Partner in der Nato-Militärallianz sind. Besonders heikel ist der von der Türkei geplante Vormarsch in östlicher Richtung auf die multiethnische Stadt Manbidsch, weil die USA dort - im Gegensatz zu Afrin - militärisch präsent sind.

Aus der Rebellenenklave Ost-Ghuta am Rande der Hauptstadt Damaskus flohen nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte allein am Samstagmorgen 10.000 Menschen. Die Zahl der seit Donnerstag Geflüchteten gab die Stelle mit 40.000 an. Das syrische Staatsfernsehen zeigte Flüchtlingstrecks, die aus Ost-Ghuta in die Regierungszone strömten: Schwarzgekleidete ältere Frauen, Mädchen mit Decken im Arm, Männer mit Bündeln auf der Schulter, ein Vater mit einem Fahrrad, seinem kleinen Sohn und einem riesigen Jute-Sack.

In dem seit sieben Jahren wütenden Bürgerkrieg sind die Angaben der in Großbritannien ansässigen Beobachtungsstelle - wie auch jene der Konfliktparteien - für Medien nur schwer zu überprüfen.


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