15.03.2018, 21:01 Uhr

Adra (AFP) Zehntausende Zivilisten fliehen aus Afrin und Ost-Ghuta


Schwere Kämpfe in Syrien am siebten Jahrestag des Kriegsbeginns

Zehntausende Menschen sind in Syrien vor Angriffen der Regierungstruppen und der türkischen Armee geflohen. Etwa 20.000 Zivilisten verließen nach Aktivistenangaben vom Donnerstag die Rebellenenklave Ost-Ghuta, wo syrische Einheiten nach heftigen Luftangriffen die Stadt Hammurije unter ihre Kontrolle brachten. 30.000 Menschen flohen demnach binnen eines Tages vor der türkischen Offensive aus der Stadt Afrin. In einem UN-Bericht wurden am siebten Jahrestag des Kriegsbeginns Vergewaltigungsvorwürfe gegen syrische Soldaten.

Die Menschen im nordsyrischen Afrin seien vor dem Beschuss der türkischen Armee in von Kurdenmilizen kontrollierte Vororte oder in Gebiete geflohen, die von den syrischen Regierungstruppen kontrolliert werden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Die Türkei geht seit Januar mit verbündeten syrischen Rebellen in der Region Afrin gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vor. Seit Beginn der Offensive eroberte die türkische Armee rund 70 Prozent der Region im Nordwesten Syriens. Die Stadt Afrin ist seit kurzem fast komplett eingekreist. Ein YPG-Sprecher warnte am Donnerstag vor einem "Massaker", sollte die Türkei Afrin-Stadt einnehmen.

Der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalin gab sich zuversichtlich, dass die Stadt in wenigen Tagen komplett "von Terroristen gesäubert" sein werde. Die Türkei sieht die YPG wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation.

Die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad nahmen derweil in Ost-Ghuta die Stadt Hammurije ein, wie die Beobachtungsstelle erklärte. Zuvor habe sich dort die islamistische Rebellengruppe Fajlak al-Rahman zurückgezogen. Etwa 20.000 Zivilisten seien am Donnerstag über einen Fluchtkorridor aus Hammurije und anderen Städten im Süden von Ost-Ghuta geflohen.

Die Beobachtungsstelle sprach von der "größten Vertreibung seit Beginn des Angriffs auf Ost-Ghuta". Die Angaben der oppositionsnahen Organisation sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen. Die UNO erklärte, sie habe keine eigenen Erkenntnisse über die Zahl der Geflüchteten.

Assad hatte vor knapp einem Monat mit Unterstützung Russlands eine großangelegte Luft- und Bodenoffensive gestartet, um die östlichen Vororte der Hauptstadt Damaskus unter seine Kontrolle zu bringen. Inzwischen eroberten die Regierungstruppen 70 Prozent der Region.

Seit Beginn der Offensive Mitte Februar wurden laut der Beobachtungsstelle knapp 1250 Zivilisten getötet, darunter mehr als 250 Kinder. In der seit 2013 von Regierungstruppen belagerten Region herrschen katastrophale humanitäre Bedingungen.

Die USA riefen die russische Regierung am Donnerstag auf, ihren Einfluss auf Assad geltend zu machen, um die Gewalt in Ost-Ghuta zu stoppen. Pentagon-Sprecherin Dana White sagte, Russland sei "moralisch mitschuldig und verantwortlich für Assads Gräueltaten". Der Nationale Sicherheitsberater H.R. McMaster sprach sich für "politische und wirtschaftliche" Strafmaßnahmen gegen Syriens Verbündete Russland und Iran aus.

Derweil traf im nördlichen Teil von Ost-Ghuta ein neuer Hilfskonvoi ein. Die 25 Lastwagen hatten nach Angaben eines Sprechers des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) Lebensmittelpakete und Mehlsäcke für 26.000 Menschen geladen.

Der Syrien-Konflikt hatte am 15. März 2011 mit der Niederschlagung friedlicher Proteste gegen Machthaber Assad begonnen. Seitdem wurden mehr als 350.000 Menschen getötet.

Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission für Syrien (COI) stellte am Donnerstag einen Bericht vor, demzufolge syrische Regierungssoldaten und verbündete Milizionäre seit 2011 "systematisch" tausende Frauen vergewaltigten.

Die sexuelle Gewalt gegen Frauen sei Teil eines "umfassenden" Angriffs auf die Zivilbevölkerung und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen, heißt es in dem Bericht im Auftrag des UN-Menschenrechtsrats. Ziel der Vergewaltigungen war es demnach, "Angst zu verbreiten, Informationen herauszupressen oder Loyalität zu erzwingen".

Auch Rebellen hätten viele Frauen vergewaltigt, heißt es in dem Bericht. Allerdings sei dies keine systematische Kriegsstrategie gewesen. Sexualverbrechen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sind in dem Report nicht aufgeführt, sie wurden separat dokumentiert.


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