12.03.2018, 20:55 Uhr

London (AFP) Scharfer Schlagabtausch nach Mays Schuldzuweisung an Moskau in Gift-Affäre

Tatort in Salisbury. Quelle: AFP/Adrian DENNIS (Foto: AFP/Adrian DENNIS)Tatort in Salisbury. Quelle: AFP/Adrian DENNIS (Foto: AFP/Adrian DENNIS)

London macht Moskau für Anschlag verantwortlich - Russland spricht von "Märchen"

Die Spannungen zwischen Großbritannien und Russland wegen des Giftanschlags von Salisbury haben sich am Montag dramatisch verschärft. Die britische Premierministerin Theresa May machte Russland für den Mordversuch an dem Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verantwortlich und stellte ein Ultimatum bis Dienstagabend. Bis dahin müsse sich Moskau zu dem Fall erklären, sonst werde es Sanktionen geben. Moskau wies die Vorwürfe zurück und warf London eine mutwillige Sabotage der Fußball-WM in Russland vor.

In einer Rede vor dem Parlament erhob May schwere Vorwürfe: "Es ist höchst wahrscheinlich, dass Russland für diese Tat verantwortlich ist", sagte sie. Offizielle Stellen in Russland hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. Den Giftanschlag wertete sie als "willkürlichen und schamlosen Angriff auf das Vereinigte Königreich".

May verwies darauf, dass Russland eine Geschichte "staatlicher Auftragsmorde" habe. Bis Dienstagabend müsse sich Moskau gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu dem Fall erklären.

Sollte Russland bis dahin "keine glaubwürdige Antwort" geben werde der Giftanschlag als "unrechtmäßiger Gewalteinsatz des russischen Staates gegen das Vereinigte Königreich" gewertet, sagte May. Sie werde dann eine "ganze Reihe von Gegenmaßnahmen" vorstellen.

Die Premierministerin äußerte sich nach einer Sitzung ihres Sicherheitsrats, bei der es um Untersuchungsergebnisse zum eingesetzten Nervengas ging. Der Anschlag sei mit einer Sorte Nervengift ausgeführt worden, die in Russland entwickelt worden sei, sagte May. Das verwendete Gift aus der Gruppe der Nowitschok-Substanzen sei "von militärischer Qualität".

Die russische Regierung reagierte mit Hohn auf Mays Auftritt vor dem Unterhaus. "Das ist eine Zirkusveranstaltung im britischen Parlament", sagte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa laut russischen Agenturen. Sie warf der britischen Regierung eine "politische Kampagne auf Grundlage von Provokationen" vor und sprach von "Märchen", die in London verbreitet würden.

Das russische Außenministerium stellte eine Verbindung zur Fußball-WM 2018 her. England habe es "Russland niemals vergeben können", dass es im Rennen um die Austragung der WM unterlegen sei, erklärte das Ministerium. Großbritannien versuche deshalb nun, "das Vertrauen in den Gastgeber dieses Sportereignisses zu untergraben".

Der 66-jährige Russe Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Bank aufgefunden worden. Den britischen Strafverfolgungsbehörden zufolge wurden sie Opfer eines Mordversuchs mit einem Nervengift. Ihr Zustand wird als weiterhin lebensbedrohlich, aber stabil bezeichnet.

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er soll russische Agenten an den britischen Geheimdienst MI6 verraten haben. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA kam er 2010 nach Großbritannien.

Die US-Regierung verurteilte am Montag den Giftanschlag. Diese "Gräueltat" sei "rücksichtslos und unverantwortlich", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders. Die USA stünden in dieser Lage an der Seite ihres Verbündeten Großbritannien. Der Frage, ob auch ihre Regierung Russland hinter dem Anschlag vermute, wich Sanders allerdings aus

Vor Aufregung sorgte kurz vor Mays Rede ein "verdächtiges Paket", das im Parlament entdeckt wurde. Zwei Menschen seien "vorsorglich" ins Krankenhaus eingeliefert worden, teilte die Polizei am Nachmittag mit. Ein Parlamentssprecher sagte später, die in dem Paket gefundene Substanz habe sich als ungefährlich herausgestellt.


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