12.03.2018, 16:54 Uhr

Wien (AFP) Wien gedenkt mit Staatsakt des "Anschlusses" an Hitler-Deutschland vor 80 Jahren


Regierung plant Gedenkmauer mit Namen österreichischer Holocaust-Opfer

Mit einem Staatsakt hat das offizielle Österreich am Montag des "Anschlusses" an Nazi-Deutschland vor 80 Jahren gedacht. "Österreich hat Mitverantwortung für die Gräueltaten der Nationalsozialisten", sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen während einer Gedenkveranstaltung in der Wiener Hofburg. Als "bleibendes Zeichen des Erinnerns" soll in Wien eine Gedenkmauer mit Namen österreichischer Holocaust-Opfer entstehen.

Am 12. März 1938 erfolgte der Einmarsch der von Polizei und SS unterstützten Wehrmacht in Österreich, dem Geburtsland Adolf Hitlers. Mit dem einen Tag später verkündeten "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" war das Ziel der deutschen Faschisten erreicht. Mit Unterstützung österreichischer Nazis errichteten die Eroberer einen gewaltigen Repressionsapparat. Die Einverleibung der Alpenrepublik durch Nazi-Deutschland gilt als Vorbote des Zweiten Weltkriegs.

Die "Verachtung für die Demokratie" habe sich bereits vor dem "Anschluss" schleichend in Österreich eingenistet, sagte Van der Bellen. Es bleibe die Lehre, dass "Diskriminierung der erste Schritt zur Entmenschlichung ist" und dass "Rassismus und Antisemitismus nicht einfach verschwinden, sondern auch heute im Kleinen wie im Großen weiter existieren".

Bundeskanzler Sebastian Kurz von der rechtskonservativen Volkspartei (ÖVP) sagte während des Staatsakts, Österreich habe sich lange Zeit als "Opfer" des Nationalsozialismus betrachtet. Viele Menschen hätten das System damals aber auch unterstützt.

Bei vielen der Veranstaltungen zum Gedenktag am Montag waren Zeitzeugen anwesend. In öffentlichen Debatten ging es auch um die Verantwortung für den Marsch in die Diktatur. Besonders nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom Februar 1934 und der Ausschaltung der Sozialdemokratie wurde die parlamentarische Demokratie unter den Bundeskanzlern Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg immer zügiger abgeschafft.

Kitty Suschny, die 1938 erst 13 Jahre alt war, sagte während einer Konferenz, alles sei schon vorbereitet gewesen, als die Nazis einmarschierten. Über Nacht sei ein Verbot für "Hunde und Juden" im Schlosspark Schönbrunn erlassen worden, erinnerte sich ein anderer Zeitzeuge. Am 15. März empfing eine jubelnde Menge Hitler in Wien.

Bis in die 80er Jahre galt in Österreich weitgehend die Lesart vom Status als "erstem Opfer Adolf Hitlers". Erst 1994 rückte Wien offiziell von dieser Geschichtsbetrachtung ab. In einer Rede vor dem israelischen Parlament erkannte der damalige Bundespräsident Thomas Klestil (ÖVP) die Mitverantwortung Österreichs an den Naziverbrechen an.

Zusätzlich zum Gedenktag will die seit dem vergangenen Dezember amtierende Regierung aus ÖVP und rechtspopulistischer Freiheitlicher Partei (FPÖ) am Mittwoch in einer Kabinettssitzung über den Bau eines Mahnmals in Wien abstimmen. Die Namensgedenkmauer soll an die 66.000 österreichischen Opfer des Völkermords an den europäischen Juden erinnern.

Kanzler Kurz erklärte, für die jüdische Bevölkerung Österreichs habe 1938 "ein beispielloser Leidensweg" begonnen, "der uns auch heute noch beschämt und betroffen macht". Ähnlich äußerte sich der FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache.

Die FPÖ, zu deren Gründungsmitgliedern auch Alt-Nazis gehörten, hat zwar wiederholt Neofaschismus, Rassismus und Antisemitismus verurteilt, seit sie Teil der Regierung ist. Allerdings gibt es in der Partei eine starke Strömung - insbesondere innerhalb der Burschenschaften -, die Österreich als Teil einer größeren "großdeutschen" Identität sieht.

Von den 51 FPÖ-Abgeordneten sind mehr als ein Drittel Mitglieder von Burschenschaften. Auch bei den FPÖ-Kabinettsmitgliedern gibt es einen hohen Anteil von Burschenschaftlern. Strache selbst war in seiner Jugend in der rechtsradikalen Szene aktiv. Heute stellt er das als Jugendsünde dar.


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