06.03.2018, 19:01 Uhr

London (AFP) Britische Anti-Terroreinheit übernimmt nach möglichem Giftanschlag Ermittlungen

Russischer Ex-Spion könnte vergiftet worden sein. Quelle: AFP/Archiv/OLI SCARFF (Foto: AFP/Archiv/OLI SCARFF)Russischer Ex-Spion könnte vergiftet worden sein. Quelle: AFP/Archiv/OLI SCARFF (Foto: AFP/Archiv/OLI SCARFF)

Ex-Agent schwebt in Lebensgefahr - Außenminister Johnson droht mit Konsequenzen

Nach dem mutmaßlichen Giftanschlag auf einen früheren russischen Agenten hat die britische Regierung möglichen ausländischen Drahtziehern mit Konsequenzen gedroht. Außenminister Boris Johnson kündigte am Dienstag eine "angemessene und robuste" Antwort seiner Regierung an, sollte ein Staat hinter der Attacke stecken. Unterdessen übernahm die britische Anti-Terroreinheit die Ermittlungen.

Johnson bestätigte, dass es sich bei dem lebensgefährlich Vergifteten um den früheren Doppelagenten Sergej Skripal handelt. Sollte sich der Verdacht auf eine russische Verwicklung in den Fall bestätigen, sei es "schwer vorzustellen", dass das Vereinigte Königreich bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland vertreten sein könne, sagte Johnson mit Verweis auf das sportliche Großereignis im Sommer.

Großbritanniens nationaler Sicherheitsrat kam am Dienstag zusammen, um die Angelegenheit zu diskutieren, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Premierministerin Theresa May, Johnson und andere hochrangige Minister wurden über den Stand der Ermittlungen informiert. Obwohl der Vorfall nicht mit Terrorismus in Verbindung gebracht wurde, übernahm die britische Anti-Terrorismuseinheit am Dienstag die Ermittlungen, weil sie die Erfahrung für solche "ungewöhnlichen Umstände" habe, hieß es.

Der 66-jährige Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren bewusstlos auf einer Bank vor dem Einkaufszentrum in Salisbury, etwa 140 Kilometer südwestlich von London, gefunden worden. Sie wurden in die Intensivstation einer Klinik gebracht und schwebten in Lebensgefahr. Nach Polizeiangaben wurden sie wegen "mutmaßlichen Kontakts mit einer unbekannten Substanz behandelt".

Der britische Außenminister zog eine Parallele zum Fall des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko, der 2006 in London an einer Vergiftung mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 gestorben war. Eine britische Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Ermordung "wahrscheinlich gebilligt" habe.

Johnson betonte im britischen Unterhaus, es sei zu früh, um die Ursache des "verstörenden" neuen Vorfalls zu benennen. Regierungen "in der ganzen Welt" sollten aber wissen, dass kein Versuch, "Unschuldige auf britischem Boden zu töten", ungestraft bleiben werde.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, Tom Tugendhat, sagte, der Vorfall trage die "Handschrift eines russischen Angriffs".

Skripal war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Der 66-Jährige soll dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 die Namen von russischen Agenten in Europa genannt und dafür 100.000 Dollar (81.000 Euro) erhalten haben.

Im Zuge eines spektakulären Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA am Flughafen von Wien 2010 kam er nach Großbritannien. Bei dem Austausch waren insgesamt 14 aufgeflogene Spione ausgetauscht worden.

Moskau erklärte am Dienstag dagegen, über keinerlei Informationen über den "tragischen" Vorfall zu verfügen. "Wir haben keine Informationen darüber, was die Ursache sein könnte." Moskau sei bereit, mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten. Bislang sei aber kein Hilfsersuchen aus Großbritannien eingetroffen.

Die britische Polizei teilte mit, sie wolle "so schnell wie möglich" die Umstände des "schwerwiegenden Vorfalls" aufklären. Sie veröffentlichte einen Zeugenaufruf. Teile der Innenstadt wurden abgesperrt und abgesucht, ein Restaurant wurde der Polizei zufolge als "Vorsichtsmaßnahme" vorübergehend geschlossen.


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