23.02.2018, 13:15 Uhr

Berlin (AFP) Scharfe Kritik an Essener Tafel nach einstweiligem Aufnahmestopp für Migranten

Essensausgabe der Münchener Tafel. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Ursula Düren (Foto: dpa/AFP/Archiv/Ursula Düren)Essensausgabe der Münchener Tafel. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Ursula Düren (Foto: dpa/AFP/Archiv/Ursula Düren)

Paritätischer: "Ethnische Diskriminierung" - Dachverband beklagt Überforderung

Auf scharfe Kritik ist die Entscheidung der Essener Tafel gestoßen, wegen der vielen Flüchtlinge unter ihren Besuchern vorübergehend nur noch Deutsche neu aufzunehmen. Der paritätische Gesamtverband sprach am Freitag von einer "ethnischen Diskriminierung", die sofort beendet werden müsse. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Dachverbands Tafel Deutschland, Jochen Brühl, zeigt der Essener Fall die "Hilfslosigkeit und Überforderung" von Tafeln: "Da wird gerade die Notbremse gezogen".

Brühl betonte im ARD-"Morgenmagazin" zugleich, er halte die Essener Entscheidung nicht für den richtigen Weg. Er empfehle dem Verein, Gespräche mit den Gruppen vor Ort und der Stadt zu führen, um Lösungen zu finden.

Grundsätzlich müssten Politik und Gesellschaft in die Verantwortung genommen werden. "Es kann und darf nicht sein, dass diese Aufgabe vom Staat ausgelagert wird", erklärte Brühl auf der Website des Tafel-Dachverbands. Auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, betonte, die Politik - sowohl kommunal als auch auf Bundesebene - sei in der Pflicht.

Die Essener Tafel hatte im Dezember erklärt, aufgrund der Zunahme an Flüchtlingen sei der "Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen". Die Einrichtung sehe sich gezwungen, "zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen", hieß es auf der Website. Umgesetzt wurde die Entscheidung Mitte Januar.

Der Vorsitzende der Essener Tafel, Jörg Sartor, verteidigte die Entscheidung. Zuletzt seien immer weniger Einheimische gekommen, gerade ältere Frauen hätten sich von jungen, fremdsprachigen Männern abgeschreckt gefühlt, sagte Sartor der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Auch alleinerziehende Mütter seien immer häufiger weggeblieben.

Auf n-tv sagte Sartor am Freitag, die Maßnahme habe nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Es solle einfach nur wieder gerecht verteilt werden. Auf der Website des Tafel-Dachverbands äußerte er zudem die Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Lage, so dass keine Warteliste mehr nötig sei.

Kritik kam von NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP). Entscheidend könne nur die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft sein, sagte Stamp der neuen Ausgabe des "Spiegel".

Der Bundestagsabgeordnete Kai Gehring (Grüne) erklärte: "Arme Menschen in erste und zweite Klasse aufzuteilen und eine Gruppe generell auszuschließen, ist kein gangbarer Weg." Andere Tafeln im Ruhrgebiet hätten trotz vergleichbarer Migrantenanteile weder dieselben Probleme zu beklagen noch griffen sie zu derart ausgrenzenden Maßnahmen.

Ohne auf den konkreten Fall einzugehen, erinnerte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer allgemein daran, "dass Deutschland ein Land der Mitmenschlichkeit ist und in diesem Land jedem, der bedürftig ist, geholfen werden sollte".

Die Essener Tafel versorgt nach eigenen Angaben rund 16.000 Menschen pro Woche. Deutschlandweit gibt es rund 930 Tafeln, die Lebensmittel an bis zu 1,5 Millionen Bedürftige verteilen. Wer Kunde bei einer Tafel werden will, muss seine Bedürftigkeit nachweisen, etwa über einen Hartz-IV-Bescheid.


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