20.02.2018, 13:35 Uhr

Arbin (AFP) Lage in syrischen Kampfgebieten Ost-Ghuta und Afrin verschärft sich dramatisch


Dutzende Zivilisten fallen Angriffen zum Opfer - Unicef spricht von "Barbarei"

In Syrien spitzt sich die Lage an den beiden Hauptfronten dramatisch zu: Kurz vor einer offenbar unmittelbar bevorstehenden Bodenoffensive der Regierungstruppen in der Rebellenhochburg Ost-Ghuta wurden dort am Dienstag bei neuerlichen Luftangriffen 50 Zivilisten getötet, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Auch in Nord-Syrien drohte eine neue Eskalation: Die Türkei kündigte eine baldige Belagerung der Kurden-Stadt Afrin an.

Die Bewohner der von Rebellen kontrollierten Region Ost-Ghuta nahe Damaskus stehen seit Sonntag unter massivem Beschuss. Binnen drei Tagen wurden dort bis Dienstag laut Beobachtungsstelle mehr als 200 Zivilisten getötet, allein am Montag seien 127 Zivilisten gestorben. Unter den Toten seien insgesamt knapp 60 Kinder.

Die in Großbritannien ansässige Organisation bezieht ihre Informationen von einem Netzwerk von Aktivisten in Syrien. Ihre Angaben können von unabhängiger Seite nur schwer überprüft werden.

Die regierungsnahe Tageszeitung "Al-Watan" schrieb am Dienstag, die Luftangriffe der Streitkräfte in Ost-Ghuta seien "der Auftakt zu einer Bodenoffensive, die jeden Moment beginnen kann". Zuvor hatten bereits Aktivisten die verstärkten Luftangriffe als Anzeichen für eine bevorstehende Bodenoffensive gedeutet.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef zeigte sich am Dienstag entsetzt über die Angriffe auf schutzlose Zivilisten: "Keine Worte werden den getöteten Kindern, ihren Müttern, ihren Vätern und ihren geliebten Angehörigen gerecht", erklärte Unicef-Generaldirektor Geert Cappelaere. "Haben diejenigen, die die dieses Leid verursachen, noch Worte, um ihr barbarisches Handeln zu rechtfertigen?"

Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Syrien, Panos Mumtsis, forderte ein sofortiges Ende der Luftangriffe auf Ost-Ghuta. "Die humanitäre Lage der Zivilisten in Ost-Ghuta ist völlig außer Kontrolle", erklärte er in der Nacht zum Dienstag. "Es ist zwingend erforderlich, dieses sinnlose menschliche Leiden zu beenden."

Am Dienstag gingen die Luftangriffe jedoch unvermindert weiter. Zahlreiche traumatisierte Familien suchten in Untergeschossen und Kellern Zuflucht, wie ein AFP-Reporter aus dem Kampfgebiet berichtete. Hunderte Verletzte suchten behelfsmäßige Krankenhäuser auf, die völlig überfüllt waren.

Ost-Ghuta, die letzte Rebellenhochburg in der Nähe von Damaskus, wird überwiegend von verschiedenen Islamistengruppen kontrolliert. Die syrische Regierung will die Kontrolle über das Gebiet zurückerlangen, von dem aus immer wieder Raketen und Mörsergranaten auf die Hauptstadt gefeuert werden. Berichten der Staatsmedien zufolge wurden am Dienstag vier Zivilisten durch Angriffe der Rebellen auf Damaskus getötet.

Die im Exil ansässige syrische Opposition warf den Regierungstruppen einen "Vernichtungskrieg" auf Ost-Ghuta vor und kritisierte das "internationale Schweigen" angesichts der "Verbrechen" der Führung von Machthaber Baschar al-Assad. Dem Assad-Verbündeten Russland warf die Oppositionskoalition vor, den "politischen Prozess begraben" zu wollen.

Schon Anfang Februar hatte die syrische Armee den Druck auf Ost-Ghuta verstärkt, wo rund 400.000 Menschen seit dem Jahr 2013 unter Belagerung leben und wo sich die humanitäre Lage zunehmend verschlechtert. Eigentlich gilt in Ost-Ghuta eine regionale Waffenruhe, die jedoch nur noch auf dem Papier besteht.

Eine weitere Eskalation drohte auch an einer anderen Front im Syrien-Krieg: Die Türkei zeigte sich am Dienstag entschlossen, ihre Offensive in Nordsyrien gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bis nach Afrin-Stadt zu tragen. Die türkische Armee werde "in den kommenden Tagen" mit der Belagerung des Stadtzentrums von Afrin beginnen, kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara an.

Syrische Staatsmedien meldeten am Montag, dass Regierungstruppen auf dem Weg nach Afrin seien, um den Widerstand gegen die Türkei zu unterstützen. Erdogan drohte am Dienstag, die Türkei werde "allen, die von außerhalb der Stadt und der Region kommen, den Weg blockieren".


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