16.02.2018, 14:12 Uhr

Istanbul (AFP) "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel kommt aus türkischer Haft frei

Deniz Yücel kommt frei. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Karlheinz SCHINDLER (Foto: dpa/AFP/Archiv/Karlheinz SCHINDLER)Deniz Yücel kommt frei. Quelle: dpa/AFP/Archiv/Karlheinz SCHINDLER (Foto: dpa/AFP/Archiv/Karlheinz SCHINDLER)

Istanbuler Gericht ordnet Freilassung an ohne Ausreisesperre

Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel kommt frei. Nach mehr als einem Jahr ohne Anklage in türkischer Haft ordnete ein Istanbuler Gericht am Freitag seine Freilassung an, wie die "Welt" unter Berufung auf Yücels Anwalt Veysel Ok mitteilte. Demnach liegt keine Ausreisesperre gegen ihn vor. Die Bundesregierung bestätigte die Entscheidung, Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) dankte der türkischen Regierung für ihre Unterstützung.

Wie die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, forderte die Istanbuler Staatsanwaltschaft ein Strafmaß von vier bis zu 18 Jahren Haft für den deutsch-türkischen Journalisten. Ein Gericht habe die Anklageschrift am Freitag angenommen und Yücel für die Dauer des Prozesses aus der Untersuchungshaft entlassen. Demnach ist er der "Volksverhetzung" und "Terrorpropaganda" angeklagt. Laut der "Welt" befand er sich zunächst noch weiter im Gefängnis.

Das Auswärtige Amt bestätigte die Entscheidung zur Freilassung von Yücel. Ein Sprecher betonte, dass es keinen "Deal in irgendeiner Form gegeben hat". Die Bundesregierung freue sich, "dass der Fall jetzt zu einem Abschluss gekommen ist und Herr Yücel freigelassen wurde". Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer sprach von einem "wichtigen Schritt, auf den wir alle lange hingearbeitet haben".

Außenminister Gabriel sagte in München, er rechne damit, dass Yücel nach seiner Freilassung zügig aus der Türkei ausreisen werde. Das Gericht habe mit seiner Entscheidung zur Freilassung des 44-Jährigen keine Einschränkungen verbunden.

Zugleich dankte Gabriel der türkischen Regierung "für ihre Unterstützung bei der Verfahrensbeschleunigung". Dazu habe er selbst viele direkte Gespräche mit türkischen Regierungsvertretern geführt, in zwei Fällen auch mit Präsident Recep Tayyip Erdogan. Besonders dankte Gabriel Außenminister Mevlüt Cavusoglu, "der diese Kontakte und Gespräche und vor allem die Beschleunigung des Verfahrens deutlich gemacht hat".

Yücel hatte sich vor einem Jahr freiwillig der Polizei in Istanbul zur Befragung gestellt und war zwei Wochen später unter dem Vorwurf der "Volksverhetzung" und "Propaganda für eine Terrororganisation" in U-Haft genommen worden. Seitdem befand er sich ohne Anklage im Gefängnis. Die Bundesregierung drang auf seine Freilassung, doch beharrte die türkische Regierung auf der Unabhängigkeit der Justiz.

Gabriel hob hervor, die türkische Regierung habe "immer Wert darauf gelegt, dass sie keinen politischen Einfluss auf die Gerichtsentscheidung nehmen werde". Gabriel hatte zuletzt intensive Gespräche mit Cavusoglu über den Fall geführt. Vor einem Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag sagte Ministerpräsident Binali Yildirim, er hoffe, dass Yücel "in kurzer Zeit" freigelassen werde.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) nannte Yücels Freilassung "eine großartige und überfällige Nachricht". "Jeder Tag, den Deniz Yücel im Gefängnis verbracht hat, war einer zu viel", erklärte Maas und betonte, die Bundesregierung werde "alles dafür tun, dass alle in der Türkei zu Unrecht inhaftierten Deutschen so schnell wie möglich freigelassen werden".

Nach der Freilassung Yücels sitzen noch fünf Deutsche aus politischen Gründen in der Türkei in Haft. Die Inhaftierung der Deutschen belastet seit Monaten das deutsch-türkische Verhältnis. Gabriel nannte die deutschen Häftlinge "Geiseln" der Türkei; die Bundesregierung hat eine Verbesserung der Beziehungen von ihrer Freilassung abhängig gemacht.

Seit Oktober kamen der Menschenrechtler Peter Steudtner und die Journalistin Mesale Tolu frei, auch weiteren Deutschen wurde die Ausreise erlaubt.


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