10.11.2010, 09:52 Uhr

Raubkopien GEMA vermiest Kindern das Singen

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Verteilt ein Kindergarten Liedertexte, werden Lizenzgebühren fällig – Die Stadt Deggendorf zahlt neuerdings

DEGGENDORF Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, heißt es. Wohl auch deshalb wird bereits im Kindergarten fleißig geübt. Jetzt, zum Martinstag, marschieren die Kleinen dann wieder durch die Finsternis, um fröhlich Martinslieder zu trällern. Doch was nur die Wenigsten wissen: Singen im Kindergarten kann richtig teuer werden. Die „GEMA“ verlangt nämlich satte Gebühren, wenn zur Gedächtnisstütze Liedertexte verteilt werden. Ansonsten handle es sich um ein Raubkopie! Raubkopien – darunter stellen sich viele irgendwelche Internetganoven vor, die sich illegal Musik aus dem Netz ziehen. Dass man selbst schon im Kindergarten zum Raubkopierer werden kann, ist vielen gar nicht klar.

Sicherlich ist die GEMA eine sinnvolle Einrichtung. Sie wacht über die Urheberrechte und sorgt so dafür, dass nicht nur millionenschwere Künstler wie Madonna und Lady Gaga, sondern auch Nachwuchsmusiker zu ihrem Geld kommen. Wenn bei einer öffentlichen Veranstaltung ein Lied gespielt wird, werden Gebühren an die GEMA fällig. Auch das Kopieren von Noten ist vergütungs- und genehmigungspflichtig.

Und genau hier liegt der Hasenfuß für die Kindergärten oder Schulen. Denn damit die Kleinen die Liedertexte auch richtig lernen, werden oft genug kopierte Liederzettel verteilt.

Für die Schulen zahlt das Kunstministerium eine jährliche Abschlagszahlung an die GEMA. Doch Kindergärten gehen bislang leer aus. Jede Kopie muss gemeldet werden und jede nicht genehmigte Kopie ist eine Raubkopie. Kurios: Die Noten per Hand aufs Papier zu kritzeln ist erlaubt. Wird das Gekritzle jedoch dann kopiert, ist es wieder verboten. Das Singen im Kindergarten ist kostenfrei. Wird jedoch beim Kindergartenfest fröhlich geträllert, so gilt das als öffentlicher Auftritt.

„Wecken Sie die Freude an der Musik und fördern Sie musikalische Anlagen der Kleinen – gemeinsam mit der GEMA helfen wir Ihnen bei den Unterrichtsmaterialien“, schrieb die von der GEMA mit der Administration der Lizenzierung beauftragte „Verwertungsgesellschaft (VG) Musiklexikon“ kürzlich an sämtliche Kindergärten, Kindertagesstätten und vorschulische Einrichtungen. „Mit einer einfach zu erwerbenden Lizenz dürfen Sie Noten und Liedtexte für die musikalische Früherziehung, den vorschulischen Unterricht, Musikprojekte oder das Singen in der Gruppe kopieren“, heißt es in dem Schreiben der VG weiter. Die billigste Lizenz für 500 Kopien im Jahr beträgt immerhin 56 Euro – Geld, das Kindergärten sicherlich anderweitig sinnvoll ausgeben könnten. Bei rund 6000 Kindergärten allein in Bayern kommt da ganz schön was zusammen. In den „Allgemeinen Bedingungen“ wird dann den Kindereinrichtungen noch höflich mitgeteilt, dass der GEMA vierteljährlich eine Aufstellung über die hergestellten Fotokopien übermittelt werden muss.

Davon, dass GEMA nur bestimmte Komponisten vertritt, ist in dem Schreiben keine Rede. So bleibt es den Kindergärten überlassen, herauszufinden, ob für „Hänschen klein“ oder „Ich geh mit meiner Laterne“ überhaupt Lizenzgebühren fällig werden. Viele Kindergärten verzichten wegen dieser Abkassiererei mittlerweile schon darauf, kopierte Liederzettel zu verteilen. Andere Kindergärten, die den pädagogischen Standard halten wollen, zahlen zähneknirschend.

So auch in Deggendorf. „Wenn wir uns schon als kommunaler Träger nicht an die Vorgaben halten, wer soll es denn dann machen“, begründet der bei der Stadt Deggendorf für die Kindergärten zuständige Bernhard Weber. Deshalb hätte die Stadt wohl oder übel in den sauren Apfel beißen müssen. Gleich nachdem das Schreiben der VG Musikedition in Deggendorf eintrudelte, stellte die Stadt die Singerei in den drei städtischen Kindergärten auf rechtlich legale Füße. „Wir haben im Frühjahr entsprechende Verträge abgeschlossen“, erklärt Weber. Nun dürfen die Kleinen im Kindergarten Rettenbach, im Aman Kindergarten und im Kindergarten Hafenbrädl ganz legal ihre fröhlichen Liedchen trällern.


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