07.02.2013, 09:15 Uhr

LKA-Gutachter schießen sich ein Hells Angels-Prozess: „Das ist die letzte Warnung”

Hells Angels-Prozess, Tag 7: LKA-Gutachter zu 99 Prozent sicher, dass Vlad Tepes-Drohpostkarten vom angeklagten Zahnarzt stammen.

TRAUNSTEIN Ein 64-jähriger Zahnarzt mit Wurzeln in Rumänien kämpft seit Jahren darum, von einem 56-jährigen Geschäftsmann aus Bukarest Millionensummen aus angeblich betrügerischen Geschäften in dem südosteuropäischen Land zurück zu erlangen. Dabei soll er nicht zimperlich vorgegangen sein - neben zahlreichen Anzeigen auch einen Überfall am 21. August 2009 auf den 56-Jährigen in Reit im Winkl mit Hilfe von Hells Angels-Mitgliedern inszeniert und kurz danach Drohpostkarten an die Familie des Geschädigten geschrieben haben. (Wir haben bereits mehrmals ausfürlich berichtet).

Im Prozess des Landgerichts Traunstein gegen insgesamt drei Angeklagte, alle aus dem Raum Koblenz, ließ der Zahnarzt diese Woche seine Verteidiger behaupten, die Postkarten hätten zwei - ebenfalls von dem 56-Jährigen betrogene - Rumäninnen verfasst. Eine Sachverständige des Bayerischen Landeskriminalamtes kam gestern zu dem Ergebnis: Die Postkarten stimmen mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit Vergleichsmaterial überein, das die Handschrift des 64-Jährigen tragen soll. Nächster Verhandlungstag ist der 20. Februar, Beginn ist um 9 Uhr. Weitere Fortsetzungstermine sind derzeit nicht angesetzt.

Die Erste Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann beleuchtet den spektakulären Fall seit Mitte Januar 2013 von vorne, nachdem der Bundesgerichtshof das erste Urteil vor zwei Jahren mit Freispruch aller Angeklagten kassiert hatte. Die Vorwürfe von Staatsanwalt Dr. Martin Freudling bezüglich gemeinschaftlich versuchten besonders schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung richten sich an alle Angeklagten - den Zahnarzt, einen 46-jährigen Modellagenten  und einen 47-jährigen Karosseriebauer gleichermaßen.

Der 64-Jährige und der 46-Jährige sollen sich wegen dreier Drohpostkarten zusätzlich einer gemeinschaftlich versuchten besonders schweren räuberischen Erpressung schuldig gemacht haben. Bisher hörte das Gericht im so genannten Hells Angels-Prozess mehr als drei Dutzend Zeugen an. Im Gegensatz zu 2010 schilderte der bei der Attacke in Reit im Winkl vor dem Hotel seiner Tochter erheblich an den Augen verletzte Nebenkläger seine Erlebnisse nicht persönlich - weil er in Rumänien fünf Jahre Haft verbüßt und nicht bereit ist, nach Deutschland geflogen zu werden.

Die Verteidiger des Zahnarztes, Jörg Zürner und Axel Reiter, beide aus Mühldorf, wollen den 56-Jährigen jedoch unbedingt befragen lassen - und wenn es in dem besagten Gefängnis nahe Bukarest ist. Über einen entsprechenden Beweisantrag hat die Kammer noch nicht befunden. Jedoch verlas das Gericht gestern die Vernehmungsprotokolle mit früheren Aussagen des Geschädigten.

Hauptsächlich den Drohpostkarten mit einem Foto von Reit im Winkl auf der Vorderseite galt der gestrige siebte Verhandlungstag. Auf den Rückseiten stand in rumänischer Sprache: „Gebt zurück, was ihr gestohlen habt, ihr Betrüger. Dies ist die letzte Warnung. Vlad Tepes.“ Der Name Vlad Tepes ist in Rumänien mit Angst und Schrecken verknüpft: Der mittelalterliche Fürst Vlad III. trug den Beinamen „Tepes“, übersetzt „der Pfähler“, und wurde zum Vorbild für Dracula.

Eine LKA-Sachverständige hatte die Postkarten verglichen mit bei dem Zahnarzt beschlagnahmten Schriftproben. Die etwa 50 Proben deckten sich ihrer Überzeugung nach zu 99 Prozent mit der Schrift auf den Postkarten. Die Sachverständige machte gestern „leichte Einschränkungen“ - aber nur, weil der Urheber offensichtlich nicht in Deutschland schreiben gelernt hat: „Die Schrift weicht ab von der deutschen Schreibschrift, wie sie in der Bundesrepublik und der früheren DDR gelehrt wurde. Es handelt sich auf jeden Fall um einen ausländischen Schreiber, der versucht hat, seine Schrift zu verstellen. Aber die Bewegung der Schrift ist gleich.“

Die Schrift erinnere sie an die eines rumänischen Kollegen. Bei dem Schriftenvergleich habe sie unter anderem grafische Merkmale geprüft, Bewegungsführung sowie horizontale und vertikale Ausdehnung. Die Gutachterin, die an der Universität Mannheim forensische Schriftuntersuchung studierte, später an gleichen Uni in der Ausbildung von Schriftsachverständigen tätig war und seit fünf Jahren beim Bayerischen Landeskriminalamt arbeitet, fertigt pro Jahr rund 100 Expertisen für Polizei und Justiz an, wie sie auf Fragen von Verteidiger Zürner erwiderte.


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