25.11.2010, 16:04 Uhr

Kroetz: „Baby Schimmerlos” steht für ZDF-Thriller vor der Kamera Schreie aus dem „Moor der Angst”

Seinen Beruf als Schriftsteller hat der eingefleischte Grantler Franz Xaver Kroetz an den Nagel gehängt. Aber vom Filmemachen kann er nicht lassen. Aktuell steht der 64-Jährige als kauziger Eigenbrötler Willy Kamrad vor der Kamera des ZDF.

ALTENMARKT/CHIEMGAU Eine verlassene Molkerei, unheimliche Geräusche aus dem Moor und ein kauziger Nachbar, der sich seltsam verhält: Franz Xaver Kroetz, ehemals als Schriftsteller-Rebell gefeiert, kehrt ins Fernsehen zurück. Im ZDF-Thriller „Moor der Angst” spielt er den eigenbrötlerischen Willy Kamrad, den eine Aura des Geheimnisvollen umgibt. Gedreht wird derzeit in München und im Örtchen Unterlaus, Gemeinde Feldkirchen-Westerham im Landkreis Rosenheim. Dort herrscht derzeit angesichts der Filmteams aus der Großstadt Ausnahmezustand.

Nach dem Nach dem Tod ihrer Mutter zieht die Künstlerin Josefine (Maria Simon) überstürzt in eine abgelegene, zerfallene Molkerei auf dem Land, die ihr als Atelier dient. Sie freundet sich mit ihrem Nachbarn Willy Kamrad (Franz Xaver Kroetz) an, dessen geheimnisvolle Ausstrahlung sie interessiert. Im Nachbardorf und im angrenzenden Moorgebiet wird derzeit fieberhaft nach einem vermissten Mädchen gesucht. Schon Jahre zuvor war in dieser Gegend eine junge Frau auf mysteriöse Weise verschwunden. Josefine fühlt sich zunehmend unwohl in dem abgeschiedenen Gebäude, in dem sie nachts beängstigende Geräusche aus dem Moor hört. Als sich auch ihr Nachbar sonderbar verhält, vermutet sie, dass er etwas mit dem Verbrechen an dem vermissten Mädchen zu tun haben könnte. Doch die Polizei glaubt ihr nicht und schickt Josefine zurück in die Molkerei. Dort erwartet sie schon der Nachbar.

Für Schlagzeilen sorgte Kroetz bereits, als ihm Filmhund Sam, ein Australian Shepherd, gleich am Anfang der Dreharbeiten beim Stöckchenholen die Daumenkuppe abbiss. „Er wollte ihn nicht hergeben und hat plötzlich nachgezwickt. Ich sah dann, dass meine linke Daumenkuppe weghing", so der 64-Jährige zur . Böse auf den vierbeinigen Kollegen ist Kroetz nicht, wohl aber auf die Münchener Roxy Film: „Nach dem Unfall hat keiner nach meinem Befinden gefragt. Kein Anruf, kein Regisseur, kein Produzent. Noch nicht mal ein Blumenstrauß."BILD

Trotz der üblen Blessuren stand Kroetz drei Tage später schon wieder vor der Kamera. „Ich spiele endlich mal was ganz anderes. Ich spiele einen ganz schön schrecklichen Mann”, hatte er der Journalistin Katia Rathsfeld  von der kurz vor dem Unfall noch in seinem Wohnmobil am Drehort erzählt. Zuletzt war Kroetz, der in Kirchberg bei Altenmarkt im Chiemgau einen restaurierten Bauernhof bewohnt, als Sonderling Georg Pranger in der TV-Serie „Polizeiruf 110 - Die Lücke, die der Teufel lässt” zu sehen.Deutschen Presseagentur

Die Schriftstellerei, mit der er jahrzehntelang als unbarmherziger Gesellschaftskritiker und „Enfant terrible” des Literaturbetriebs Erfolge feierte, hat der 64-Jährige vor sechs Jahren an den Nagel gehängt. In einem aktuellen Interview mit der Journalistin Rathsfeld sagte er dazu: „So sehr mich das Schreiben die ersten 20, 30 Jahre befreit hat, so sehr hat es mich die letzten zehn Jahre auch vergiftet. Es kam nicht mehr raus, das war ein Würgen. Es war nicht mehr ein fröhlich befreiendes Kotzen.” Über 60 Werke sind im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Einige davon wurden auch verfilmt. Kroetz-Werke wurden in mehr als 28 Sprachen übersetzt und in über 40 Ländern aufgeführt.   Als Autor, Regisseur und Schauspieler hat er knapp ein Dutzend Auszeichnungen eingeheimst: darunter den deutschen Kritikerpreis (1972), den Oberbayerischen Kulturpreis (1996), das Bundesverdienstkreuz (2005) und zuletzt den Bayerischen Filmpreis für „Die Geschichte vom Brandner Kasper” (2008).

In den 1970-er Jahren hat Kroetz der Gesellschaft mit Stücken wie „Wildwechsel”, „Heimarbeit”, „Hartnäckig” oder „Geisterbahn” gnadenlos den Spiegel vorgehalten. Als Schriftsteller, der - von unglaublicher Leidenschaft beseelt - Werke quasi im Akkord produzierte, feierte er Erfolge auf Bühnen und bei Lesungen. Ab 1986 wurde er in Helmut Dietls Boulevard-Komödie „Kir Royal” im Fernsehen als eigenwilliger Klatschreporter „Baby Schimmerlos” unsterblich. Nach der Scheidung von seiner Frau Marie-Theres Relin („Hausfrauen-Revolution”) wurde es ruhiger um Kroetz, der fünf Kinder hat. Zusammen mit seinen zahlreichen Schreibmaschinen, eine davon sogar in Gips gegossen, lebt er auf seinem Hof in Kirchberg. Nochmal den Schimmerlos geben, kommt für ihn nicht in Frage: „Ich will die Figur nicht mehr demontieren als alter Mann.” Interessanter wäre es gewesen, wenn der am Ende als „geläuterter Charakter” aufgetreten wäre.


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