17.08.2015, 13:55 Uhr

Lebenstraum des Tiroler Berfexen wurde wahr: Extrem: Andi rennt über alle Berchtesgadener Gipfel

Foto: WiesingerFoto: Wiesinger

Andreas Wiesinger, Trailrunner und Naturliebhaber, erfüllte sich einen Traum. Er schaffte es tatsächlich, vom 12. bis 15. August 2015 den kompletten Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen in nicht einmal drei Tagen abzulaufen und schrieb damit alpine Geschichte in den Berchtesgadener Alpen.

BERCHTESGADENER LAND Die einen träumen bei Temperaturen über 30 Grad von einer Abkühlung im Badesee. Andere, wie der Tiroler Andi Wiesinger, starten zu einem ehrgeizigen, sportlichen Projekt, das Höchstleistungen fordert: Der 45-Jährige lief von Mittwoch bis Samstag mit einer Gesamtzeit von 69 Stunden und 11 Minuten (reine Laufzeit gut 45 Stunden) 127 Kilometer mit 12.234 Höhenmeter im Auf- und 12.041 Höhenmeter im Abstieg, darunter ca. 30 Kilometer Klettersteige und 60 Kilometer schwerstes alpines Gelände. Sein Traum, den kompletten Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen, 27 Gipfel - darunter Watzmann, Hochkalter, Hochkönig und Hoher Göll – in einem Zug zu erlaufen, wurde damit wahr. Warum er das gemacht hat, erzählt er im Wochenblatt-Interview.

Vor 12 Jahren rauchte Andreas Wiesinger zwei Packungen Zigaretten am Tag. Sportlich und vor allem ein wahrer Naturfreak war Andi immer schon und mächtige Berge übten eine große Faszination auf ihn aus. Nach einer wegen Atemnot gescheiterten Bergtour auf das Zuckerhütl in den Stubaier Alpen und einem nächtlichen Asthmaanfall kam die für Andreas absolut schockierende Diagnose COPD!

Das Projekt war Ihr Lebenstraum. Warum?

„Sie leiden an COPD (eine chronische, nicht heilbare Lungenerkranung, Anm. der Redaktion), Sie werden mit 40 überhaupt keine Berge mehr besteigen können, mit 50 auch keine Treppen mehr schaffen, Sie müssen sofort aufhören zu rauchen und dürfen keine anstrengenden Sportarten mehr betreiben“ – das bekam ich vor 12 Jahren von meinem Lungenarzt zu hören. Schockierend für mich als Bergsportler, wo ich noch so viele Traumtouren plante. Das Rauchen war bald Geschichte, die Diagnose eine Herausforderung! Gegen die damalige Lehrmeinung begann ich mit Ausdauertraining. Meine Atemnot wich immer mehr. Nach jahrelangem regelmäßigem Training in den Bergen begann ich wieder zu laufen. Bei einer traumhaften Tour auf den Schneibstein entstand bei mir der Wunsch, diesen so traumhaften, landschaftlich einzigartigen Gebirgsstock einmal laufend zu überqueren. Aus zwei Gründen: Erstens um eines der absolut einzigartigsten Abenteuer in dieser grandiosen Landschaft und Natur zu erleben, und zum Zweiten um zu beweisen, dass man auch mit einer Lungenkrankheit noch vieles schaffen kann.

Wie fühlen Sie sich jetzt, zwei Tage, nachdem Ihr Traum wahr wurde?

Zu meiner Überraschung körperlich schon wieder sehr gut, ich bin aber noch total beeindruckt von den vielen Erlebnissen, Bildern, Stimmungen und Eindrücken in dieser Traumlandschaft. Mich freut es einfach ganz, ganz gewaltig, dass ich dieses Abenteuer geschafft habe und auch so schön erleben durfte!

Welcher Moment war der schwierigste der Tour?

Der schwierigste Moment für mich war eine Passage vom Biwak Wildalmkirchl bis zur Wasseralm. Die Strecke kannte ich zum Großteil nicht. Hier gab es technisch sehr schwer laufbares Gelände bei Temperaturen um 30 und mehr Grad in der Sonne. Hier hatte ich das Gefühl, der Abschnitt geht nie zu Ende!

Welcher war der Schönste?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Bei so vielen sooo traumhaften Eindrücken und Erlebnissen gibt es eigentlich zwei: Als ich mit ganz knappen Wasserreserven auf die Watzmann Südspitze kam und ich dort zu schon später Stunde, um 19 Uhr, ein Brüderpaar traf, das sich ebenso einen Traum (die gemeinsame Watzmannüberschreitung) erfüllte. Sie boten mir ihre Wasserreserven an! So eine Kameradschaft unter Bergsportlern zu erleben ist einfach herrlich! Der zweite war, als ich kurz vor dem Kehlsteinhaus realisierte, dass ich meinen Traum schaffen werde.

Viele Bergbegeisterte sind froh, einen einzigen Gipfel Ihrer Tour erreichen zu können – wie gehen Sie mit Aussagen um, dass Sie z.B: „vom anderen Stern“ sind?

(lacht) Ich bin doch ganz normal, auch ich begann mit einer Bergtour, einem Gipfel. Ich liebe die Berge, die Natur und wollte auch immer noch mehr davon erleben und sehen. Bald begann ich dann, flache Abschnitte zu laufen, um schneller voran zu kommen. So gelang es bald, Zweitagestouren an einem Tag zu bewältigen. Das steigerte sich über die Jahre bis zum heutigen Tag. Aber das Wichtigste für mich ist nicht die Zeit, sondern die Natur und das Bergerlebnis, und das möchte ich mit meinen Bildern allen Interessierten näherbringen. Mit Bildern motivieren und aufzeigen, wie schön es da oben bei jedem Wetter sein kann.

Fünf Jahre nach der niederschmetternden Diagnose COPD begann der Jenbacher als Bergläufer auch bei Wettkämpfen teilzunehmen. Anfangs nur mit dem Ziel, es zu schaffen, doch schon ein paar Wettkämpfe und Jahre später war der zielorientierte Naturliebhaber und Fotograf Vizemeister im Bergmarathon in der Tiroler Meisterschaft 2014.

Gibt es Nachfolgeprojekte?

Ja, ich bin schon mitten drin, es werden zwei Bücher bis März folgen. Eins über diesen erfüllten Traum mit Bildern, Touren und Tipps zum Nacherleben. Ein weiteres Buch mit ganz besonderen Touren werde ich bis Ende November fertigstellen, dazu fehlen mir noch 17 große Touren. Es wird wohl nie langweilig mit oder bei mir ...


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