20.11.2013, 15:57 Uhr

Romanautor Thomas Bogenberger im Interview Wer ist der Mann hinter "Hattinger"?

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Mit seinem Roman "Chiemsee-Blues" lieferte der in Prien wohnhafte Schriftsteller Thomas Bogenberger die Vorlage für die Verfilmung des Chiemsee-Krimis "Hattinger und die kalte Hand". Im Interview geht er auf die Hintergründe ein. Im Frühjahr soll bereits der zweite Hattinger-Roman erscheinen.

CHIEMSEE Wenn ein Buch mit seinen komplexen Figuren in einem 90-Minüter Platz haben soll, muss einiges an Text und Personen verknappt, gekürzt und konzentriert werden. Wir sprachen mit Thomas Bogenberger über die Entstehung seines Chiemsee-Krimis, die Inspiration durch die Chiemgauer und den Chiemsee und die Unterschiede zum Text. Praktischerweise saß in diesem Fall die Autorin des Drehbuchs nur einen Schreibtisch weiter: Ariela Borgenberger ist die Frau des Autors. Für ihre Drehbücher von "Marias letzte Reise" und "In aller Stille" wurde sie zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Wie erklären Sie sich die Beliebtheit Ihres Buches "Chiemsee Blues"?

Bogenberger: Es hängt damit zusammen, dass ich die Figuren kenne, über die ich schreibe. Das sind keine Pappfiguren. Ich schau' den bayerischen Ureinwohnern liebevoll aufs Maul. Und den anderen natürlich auch. Da entsteht ein reizvolles Spannungsfeld. Und ich nehm' sie auch alle ernst, in ihrer ganzen Verschrobenheit. Da spielt der bayerische Dialekt eine ganz wichtige Rolle, und die bayerische Seele. Der Bayer sagt zum Beispiel ganz viel dadurch, dass er eben nichts sagt. Deshalb schreibe ich auch nicht über Norweger, die irgendwo am Skagerrak morden. Da könnte ich mich naturgemäß weniger einfühlen. Sie leben im Chiemgau.

Was macht den Unterschied zwischen Buch und Film aus?

Bogenberger: Bei einem 90-minütigen Fernsehfilm muss man das Personal beschränken, so viele Figuren kann man in dieser Zeit  nicht sinnvoll erzählen. Deshalb musste z.B. Hattingers fremdgehende Freundin, mit der er ständig im Clinch liegt, dran glauben. Im Buch muss er ausgerechnet deren Liebhaber am Ende retten. Im Film rückt stattdessen Hattingers Tochter Lena stärker ins Zentrum des Geschehens. Oder im Film ist mein Mörder – dem wir auch im Buch schnell begegnen, wo er in seinem Keller sitzt und sein Leben reflektiert und sich akribisch auf seinen Rachefeldzug vorbereitet, als letzte Lebensaufgabe, die es noch für ihn zu tun gibt – von Seiten der Regie mehr als Psychopath inszeniert. Ich sehe ihn mehr als einen Verzweifelten, dessen Leben zerstört wurde, der nie Recht bekommen hat, bei dem sich nie auch nur ein einziger Verantwortlicher entschuldigt hat, und der irgendwann den Entschluss fasst, ein Exempel zu statuieren, an dem die Öffentlichkeit nicht mehr vorbeisehen kann – kühl, klar und durchaus beamtenmäßig.

Wie sind Sie auf den ersten Mordfall gekommen? Haben Sie sich von einer wahren Geschichte inspirieren lassen?

Bogenberger: Nein, der Fall ist frei erfunden. Aber ich hab' ja ursprünglich Medizin studiert, und deswegen ist mir vermutlich eine Geschichte eingefallen, die etwas mit medizinischem Versagen zu tun hat. Und dieses spezielle Versagen hat durchaus einen realistischen Background. Das hat sich angeboten, weil ich mich in der Materie halt ein bisschen auskenne. Und auch wenn das Buch ja durchaus humorvoll ist, ist es eben keine Satire, keine Krimiparodie. Einen spannenden, plausiblen Kriminalfall als Grundlage zu haben, finde ich schon wichtig. Die Verantwortlichen im ZDF fanden die Geschichte gut.

Welche Rolle spielt der See in Ihrem Leben?

Bogenberger: Ich geh' gern an den See, dort in den Biergarten zum Beispiel, wenn das Wetter danach ist. Da muss man sich nur zurücklehnen, und man bekommt in kurzer Zeit ein breites Panoptikum an Figuren vorgeführt. Ich muss jetzt nicht jeden Tag hingehen, aber es ist schon gut zu wissen, dass er da ist, der See. Früher bin ich auch viel gesegelt. Aber als Einheimischer geht man im Sommer sowieso lieber an die kleineren Seen, die ein bisschen versteckter sind und die deshalb nicht jeder kennt. Und die auch nicht jeder kennenlernen sollte (lacht).

Sie haben ja gerade den zweiten Hattinger-Roman geschrieben, der auch wieder am Chiemsee spielt. Worum geht es dabei?

Bogenberger: Der zweite Roman dazu heißt "Hattinger und der Nebel". Er soll im Februar oder März nächsten Jahres im Pendragon Verlag erscheinen. Es geht um Gier, Verführung, Betrug, Sex – die wichtigen Themen halt. Ausgangspunkt ist der Fund der Leiche eines Immobilienmaklers, der als Windhund im Ort bekannt ist. Obwohl es eine Menge Verdächtige gibt, fällt einer nach dem anderen durchs Raster, während das Morden munter weiter geht. Hattinger selbst hat mit dem dichten Herbstnebel zu kämpfen und wird von Alpträumen geplagt. Zu allem Überfluss wird ihm auch noch die Wohnung gekündigt, während Tochter Lena bei ihm einziehen will.

Was macht den der Gegend um den Chiemsee aus?

Bogenberger: Der Chiemsee hat zweifellos etwas Magisches, mit seinen Inseln und dem Märchenschloss vom König Ludwig, dem alten Kloster auf der Fraueninsel und dieser einzigartigen Lage direkt an den Bergen. Das Bayerische Meer eben, wie er zu Recht heißt. Da kann natürlich ein Starnberger See nicht mithalten (lacht). Außerdem ist der Chiemgau eine uralte Kulturlandschaft, weit über 4000 Jahre schon besiedelt. Gleich nördlich vom See führt zum Beispiel eine alte Römerstraße vorbei, und die Jahrhunderte lang sehr wichtige Salzstraße. Da werden also schon gelegentlich Schätze ausgegraben und goldene Schüsseln aus dem See getaucht. Und dieser hat noch eine Besonderheit: Er verschluckt Leichen und gibt sie oft erst Jahre später wieder frei. Wenn das nicht die Phantasie eines Krimiautors anregt?

Kommissar Hattinger hat eine Tochter, die im ersten Buch – und in der Verfilmung – eine wichtige Rolle spielt. Wie würden Sie sie beschreiben?

Bogenberger: Lena ist eine kleine "Wilde", genauso stur wie ihr Vater. Sie hat ihren eigenen Kopf, und den will sie auch durchsetzen. Bei mir im Buch ist sie etwas jünger als im Film. Sie liebt ihren Vater sehr, aber die beiden können sich auch heftig streiten – da fliegen wirklich die Fetzen. Verbote gelten für Lena nicht: Wenn ihr Vater ihr etwas verbieten will, dann reizt sie das erst recht. Ich hab' selbst drei Kinder, ich weiß, wovon ich rede.


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