Arbeitsmarkt

Trotz Corona-Krise: Fast 1,7 Milliarden Überstunden 2020

19.05.2021 | Stand 20.05.2021, 14:34 Uhr

Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/Illustration

Selbst während der Pandemie haben die Beschäftigten in Deutschland millionenfach Mehrarbeit geleistet. Die Gewerkschaften sprechen empört von Lohndiebstahl - doch es gibt auch andere Stimmen.

Trotz Pandemie haben die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr 1,67 Milliarden Überstunden geleistet. Das geht aus einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

Zwar ist die Zahl der Überstunden im Vergleich zum Vorjahr gesunken, wie die Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen. 2019 hatten sich die Überstunden noch auf 1,86 Milliarden summiert. Doch beim Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen hat sich wenig getan. Es betrug 3,2 Prozent. Das waren nur 0,3 Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor. Mehr als die Hälfte der Überstunden - 892 Millionen - waren unbezahlt.

Während die bezahlten Überstunden im Vergleich zum Vorjahr um 15,4 Prozent abnahmen, waren es bei den unbezahlten Überstunden nur 5,8 Prozent. Den Zahlen zufolge ist der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen bei Teilzeitbeschäftigten mit 3,6 Prozent höher als bei Vollzeitbeschäftigten mit 3,1 Prozent.

KRITIK AN ARBEITGEBERN:

Die Linke-Abgeordnete Jessica Tatti, die die Zahlen angefordert hatte, sagte der dpa: «Die Beschäftigten haben schlichtweg mehr Arbeit auf dem Tisch, als sie in der vertraglichen Arbeitszeit schaffen können.» Jahr für Jahr leisteten Beschäftigte Überstunden zum Nulltarif. «Für die Arbeitgeber rechnet sich das. Sie sparen jährlich zweistellige Milliardenbeträge an Lohnkosten.»

Anja Piel vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sprach von einem anhaltenden Ärgernis. «Die Anzahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden bleibt seit Jahren auf einem inakzeptabel hohen Niveau», sagte Piel der dpa. «Das ist nichts anderes als Lohndiebstahl – die Arbeitgeber wirtschaften sich damit jährlich einen zweistelligen Milliardenbetrag in die eigene Tasche – und das hart auf dem Rücken der Beschäftigten.»

WER ÜBERSTUNDEN LEISTET:

Doch es gibt auch eine andere Sicht. IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber sagte: «Man hätte annehmen können, dass die Überstunden im Krisenjahr ins Bodenlose fallen.» Es gebe aber Gründe, warum das nicht geschehen sei. Der IAB-Experte wies darauf hin, dass der Rückgang bei bezahlten Überstunden - etwa von Beschäftigten in der Produktion - deutlich größer gewesen sei als bei unbezahlten. «Unbezahlte Überstunden werden typischerweise von Führungskräften geleistet», sagte Weber der dpa. «Hier gab es kaum Gründe für weniger Arbeit – oft im Gegenteil», so der Forscher. «Hier musste viel Krisenmanagement geleistet werden.»

Auch der Beschäftigungsexperte Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wies darauf hin, dass unbezahlte Überstunden vor allem Akademiker, Fachkräfte in Leitungsfunktionen, Führungspersonen ausübten. Häufig beruhe dies auf Vereinbarungen mit den Unternehmen und einem flexiblen Einsatz.

WEITERE GRÜNDE FÜR ÜBERSTUNDEN IN DER PANDEMIE:

«Der Einbruch durch die Pandemie wurde in den allermeisten Fällen nicht durch den Abbau von Überstunden- oder Arbeitszeitkonten, sondern durch Kurzarbeit aufgefangen», erklärte Weber zudem. Das Jahr 2020 habe sich konjunkturell heterogen dargestellt - mit einem starken Einbruch im zweiten Quartal, auf den ein konjunktureller Aufschwung folgte. «Es gab und gibt zudem auch Branchen und Bereiche ohne Rückgänge, im Gegenteil.» Weber und Schäfer nannten etwa Supermärkte, die Pflege und die Krankenversorgung oder etwa die Bundesagentur für Arbeit.

LÄNGERFRISTIGE ENTWICKLUNG:

IW-Forscher Schäfer verwies darauf, dass es sogar einen Tiefststand bei den Überstunden seit 1991 gebe. Pro Kopf und Jahr waren es den Zahlen zufolge 2020 40,9 Überstunden, nach 45,3 im Vorjahr und 49,7 im Jahr 2018. Vor zehn Jahren leisteten die Beschäftigten im Schnitt noch 57 Überstunden pro Jahr. Gemessen wird dabei die Mehrarbeit über das vertraglich vereinbarte Arbeitsvolumen eines Jahres hinaus. «Der Rückgang liegt daran, dass Überstunden unattraktiver geworden sind», sagte Schäfer. Für Betriebe seien bezahlte Überstunden wegen teils hoher Zuschläge teuer. Wie oft geringer Qualifizierte unbezahlte Überstunden leisten, wird den Experten zufolge allerdings nicht erfasst.

RISIKEN VON MEHRARBEIT:

Der DGB machte auf die Gesundheitsrisiken von Überstunden aufmerksam. «Wer ständig überlastet und gestresst ist, keine ausreichenden Pausen- und Erholungszeiten einlegen kann, hat ein wesentlich höheres Risiko, ernsthaft und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich zu erkranken», sagte Piel. «Zu den Risiken gehören psychische Belastungen und Burnout genauso wie Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.»

FORDERUNGEN AN DIE POLITIK:

Piel forderte: «Arbeitszeit muss endlich überall lückenlos erfasst und vergütet werden.» Viele arbeiteten auch nach der Pandemie teilweise im Homeoffice - die Grenzen zwischen Arbeit und Leben würden weiter verwischen. Eine Anti-Stress-Verordnung solle Belastungen Grenzen setzen. «Außerdem gilt: Finger weg vom Acht-Stunden-Tag.» Tatti sagte: «Es kann nicht sein, dass die einen bis zum Umfallen schuften, während andere in unfreiwilliger Teilzeit feststecken oder keine Arbeit finden.» Angezeigt sei auch die Absenkung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit.