Glauben
Kirche prüft Missbrauchsvorwurf gegen verstorbenen Kardinal

19.09.2023 | Stand 20.09.2023, 8:01 Uhr |

Früherer Ruhrbischof Hengsbach - Die katholische Kirche untersucht Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründungsbischof des Ruhrbistums und späteren Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991). - Foto: Fritz Fischer/dpa

Das Bistum Essen nennt die Vorwürfe selbst «gravierend». Sollten sich diese bewahrheiten, wäre Hengsbach der erste höchstrangige katholische Geistliche, dem eigener Missbrauch nachgewiesen wird.

Die katholische Kirche untersucht Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründungsbischof des Ruhrbistums und späteren Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991). Das teilten das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn am Dienstag in parallel veröffentlichten Pressemitteilungen mit. Hengsbach hatte das neue Bistum im größten deutschen Ballungsraum 1958 begründet und bis zu seinem Tod 1991 geleitet. Zuvor war er Weihbischof in Paderborn.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre Hengsbach der erste höchstrangige katholische Geistliche in Deutschland, dem eigener Missbrauch nachgewiesen wird. Das Bistum Essen nennt die Vorwürfe in der Mitteilung selbst «gravierend». Weitere mögliche Betroffene sollten sich bei den unabhängigen Ansprechpartnern im Bistum melden, heißt es darin.

Die Betroffeneninitiative «Eckiger Tisch» wiederholte ihre Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungs- und Aufklärungsinstanz für Missbrauchstaten in der katholischen Kirche. Es müsse endlich Schluss damit sein, dass die Kirche oder von ihr beauftragte Gremien selbst versuchten, Missbrauchsverbrechen aufzuklären, forderte der Sprecher der Organisation laut einer Mitteilung. Das zeige der Umgang der Bistümer Essen und Paderborn mit den Vorwürfen gegen Kardinal Hengsbach.

Mutmaßlicher Missbrauch einer 16-Jährigen

In einem Fall geht es um den mutmaßlichen Missbrauch einer 16-jährigen Jugendlichen im Jahr 1954 im Erzbistum Paderborn in Hengsbachs Zeit als Weihbischof. Das mutmaßliche Opfer hatte sich im Juni 2011 gemeldet und Missbrauch sowohl durch Franz Hengsbach als auch durch seinen 2018 gestorbenen Bruder Paul Hengsbach angezeigt, der ebenfalls Priester war. Paul Hengsbach hatte die Vorwürfe aber vehement bestritten.

Die Vorwürfe waren danach vom Paderborner Generalvikariat und später auch von der Glaubenskongregation in Rom als «nicht plausibel» abgewiesen worden. Die Frau erhielt kein Geld. Aus heutiger Perspektive und nach erneuter Prüfung müsse die damalige Plausibilitätsbeurteilung aber «leider deutlich in Frage gestellt werden», hieß es in der Mitteilung aus Paderborn. In einem weiteren Fall mit Vorwürfen gegen Paul Hengsbach, denen der Priester ebenfalls widersprochen hatte, seien dem Opfer bereits Anerkennungsleistungen bewilligt worden.

Hengsbach war einer der bekanntesten Geistlichen Deutschlands

Einen zweiten Fall hatte eine betroffene Person, die anonym bleiben will, im Oktober 2022 im Bistum Essen angezeigt: Sie meldete einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff durch Bischof Hengsbach aus dem Jahr 1967. Nach dpa-Informationen handelt es sich ebenfalls um eine Frau. Der aktuelle Essener Bischof Franz-Josef Overbeck erfuhr davon laut Mitteilung im März dieses Jahres, ließ auch im Herkunftsbistum von Hengsbach in Paderborn recherchieren und entschied sich danach für eine Offenlegung aller Vorwürfe, hieß es.

Die Reforminitiative Maria 2.0 forderte die Umbenennung des Kardinal Hengsbach-Platzes am Essener Dom sowie die Entfernung der Hengsbach-Statue. «Wir sind entsetzt, dass, obwohl die Vorwürfe schon sehr lange im Raum stehen, bis heute dazu öffentlich geschwiegen wurde», teilte die Initiative mit, der nach eigenen Angaben bundesweit 100 Ortsgruppen angehören.

Der 1988 zum Kardinal erhobene Hengsbach war bis zu seinem Tod einer der bekanntesten Geistlichen Deutschlands. Er war unter anderem Mitgründer des bischöflichen Hilfswerkes Adveniat und über 17 Jahre deutscher Militärbischof.

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