Streit um Super League

Fans gewinnen an Einfluss: «Kampf beginnt erst jetzt»

26.04.2021 | Stand 26.04.2021, 22:40 Uhr

Frank Rumpenhorst/dpa

Wie finden Fans und der Bundesliga-Fußball nach der Corona-Krise wieder zusammen? Ausgerechnet in Geisterspiel-Zeiten haben die Anhänger an Macht gewonnen.

Zwischen der Familienministerin und einer Virologin erklärte Helen Breit im «Morgenmagazin» von ARD/ZDF kürzlich die Welt der aufgebrachten Fußballfans.

Wie die Vorsitzende der Initiative von «Unsere Kurve» ist auch Martin Endemann vom Netzwerk «Football Supporters Europe» derzeit ein gefragter Ansprechpartner. Im hitzigen Kampf gegen die - zumindest zunächst - wieder eingestampfte Super League hat das Fan-Lager sichtbar an Einfluss gewonnen. Der Machtkampf zwischen Verbänden und Clubs auf der einen und den Anhängern auf der anderen Seite hat aber erst richtig begonnen.

Im Grundsatz geht es um die Frage, die für Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer bereits beantwortet ist: «Wem gehört der Fußball? Der Fußball gehört den Fans, den Menschen, die ins Stadion kommen.» Dafür, dass sich die Anhänger in Geisterspiel-Zeiten nicht über Plakate und Sprechchöre äußern können, haben sie ihren Rufen nach Reformen in den vergangenen Monaten mächtig Stimme verliehen.

Während sich die Fan-Bündnisse inzwischen professioneller aufgestellt haben, um den PR-Maschinerien der Verbände und Vereine etwas entgegenzusetzen, gingen die Fans in England sogar auf die Straße, um die europäische Super League mit zahlungskräftigen Großclubs zu verhindern. «Wir sehen eine nochmal intensivierte Zusammenarbeit vieler Gruppen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es auch neue politische Allianzen geben wird. Immerhin haben sich auch namhafte Politiker wie Emmanuel Macron und Boris Johnson auf die Seite der Fans geschlagen», sagte Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) der Deutschen Presse-Agentur.

Die organisierten Fan-Gruppen sehen sich gestärkt und wittern die Chance, noch eindringlicher auf ihre Interessen hinzuweisen und sie durchzusetzen. «Football Supporters Europe (FSE)» will generelle Konsequenzen im überhitzten Profigeschäft. «Wir fordern eine stärkere Regulierung. Wir fordern sofortige Maßnahmen, um unsere Clubs und Gemeinschaften zu schützen.» Und: «Der wahre Kampf beginnt jetzt.»

Denn «Der Sieg der Fans», wie der «Kicker» titelte, ist allenfalls ein «Etappensieg» (Endemann). In der vergangenen Woche hatte die UEFA die neue Champions League mit mehr Clubs und Spielen von 2024 an durchgesetzt - gegen den Willen der organisierten Anhängerschaft. Und als im Februar die Deutsche Fußball Liga den Abschlussbericht der Taskforce «Zukunft Profifußball» vorstellte, äußerten sich die Fan-Vertreter zu den 17 Handlungsempfehlungen so: «Einmal mehr entsteht der Eindruck, dass die handelnden Personen sich dringend notwendigen Reformen verweigern. Wir sehen dies als Rückschlag für alle Fans an - egal ob im Stadion oder vor dem Fernseher.» Dabei waren sechs Personen aus ihrem Kreis in den Arbeitsgruppen vertreten.

Nachdem die Super League erstmal verhindert wurde, verspüren die Fan-Bündnisse aber wieder Aufwind. «Das Scheitern war der Crash, den der Fußball benötigt hat, jetzt ist das große Momentum da, den Wandel zu erreichen», so Endemann. Helen Breit sieht die Abkehr der Super League erstmals als einen Erfolg, das sei «aber sicher nicht das Ende der Geschichte».

Gabriel rechnet damit, dass die Proteste «sicht- und hörbar» werden, wenn irgendwann wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. «Die massiven Spannungen, denen der Fußball ausgesetzt ist, werden uns auch in den nächsten Jahren begleiten, immerhin steht ja auch die umstrittene WM 2022 in Katar auf dem Kalender.»

Ihre engagierte Fußballpolitik hat den Fan-Gruppierungen dieser Tage viel öffentliche Aufmerksamkeit und Respekt eingebracht. Aus einer ganz andere Ecke der Szene kamen aber auch Negativ-Schlagzeilen: So wurde die Mannschaft des FC Schalke 04 nach dem feststehenden Abstieg aus der Bundesliga von Fans angegriffen, die Polizei sprach von «massiven Aggressionen» der 500 bis 600 Anhänger der Königsblauen.

DFL-Boss Christian Seifert wünscht sich auch in dieser Angelegenheit ein deutliches Statement. «In den vergangenen Monaten wurden zahlreiche Entwicklungen im Profi-Fußball zurecht teilweise scharf kritisiert (...)», sagte er: «Nun würde es der einen oder anderen Fan-Organisation ebenfalls gut zu Gesicht stehen, zur Eskalation auf Schalke in aller Klarheit und wahrnehmbar Stellung zu beziehen.»

Die Fan-Organisationen sehen sich dazu aber nicht gezwungen, da sie sich in ihren Satzungen grundsätzlich gegen Gewalt aussprechen und auch in der Vergangenheit keine aktuellen Verfehlungen mit laufenden Ermittlungsverfahren kommentiert haben. «Auch wenn die Situation nach dem feststehenden Abstieg für alle Beteiligten vor Ort emotional außergewöhnlich belastend ist, so darf das nicht ansatzweise eine Rechtfertigung oder Entschuldigung für Gewalt gegenüber Spielern sein», sagte KOS-Vorsitzender Gabriel. «Ich rate sehr, das voneinander zu trennen, das hat nichts miteinander zu tun.»