Bundesliga

Die neue Macht der Toptrainer: Wieso ihre Bedeutung steigt

20.04.2021 | Stand 21.04.2021, 15:16 Uhr

Marius Becker/dpa

Gute Trainer gibt es wenige. Das wissen die Top-Clubs - und das wissen die Trainer. Die Folgen sind beispielsweise Ausstiegsklauseln wie bei Adi Hütter oder Marco Rose. Der steigende Wert der besten Übungsleiter dürfte den Markt langfristig verändern.

Es gibt immer wieder diese Momente, in denen Trainer über sich selbst klagen. «Ich habe nur Argumente, wenn ich gewinne, sonst bin ich als Trainer ein armes Schwein», sagte Ottmar Hitzfeld zum Beispiel vor vielen Jahren.

Ähnlich äußerte sich vor einiger Zeit auch Dieter Hecking, der zwar nicht wortgleich vom bedauernswerten Schwein sprach, aber dass man als Trainer «die ärmste Sau» sei, wenn es sportlich im Verein nicht mehr laufe. Was sie beide meinten: Bleibt der Erfolg aus, ist der Trainer das erste Opfer. So war es in der Fußball-Bundesliga fast immer und so ist es noch heute. Dennoch verändert sich etwas.

Dank einer Ausstiegsklausel wechselt Adi Hütter im Sommer von Eintracht Frankfurt für 7,5 Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach. So viel wurde innerhalb der Bundesliga noch nie für einen Trainer bezahlt. Der Transfer kam zustande, weil parallel Gladbachs aktueller Coach Marco Rose ebenfalls dank einer entsprechenden Klausel für kolportierte fünf Millionen Euro zu Borussia Dortmund wechseln wird. Bevor ihre aktuellen Vereine also vielleicht irgendwann auf die Idee gekommen wären, sie wegen ausbleibender Ergebnisse als «arme Schweine» zu beurlauben, drehen Hütter und Rose das Spiel: Sie bestimmen ihren Abgang selbst.

Der Markt für gute Trainer ist ein begrenzter. Und die Protagonisten wissen das. Die Ablösesummen für die begehrten Übungsleiter dürften daher in Zukunft sogar noch steigen. Ambitionierte Clubs tun fast alles, um den perfekten Coach zu bekommen. «Der Trainer ist der wichtigste Mann, er muss das stärkste Glied der Kette sein!», sagte der ehemalige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer schon 2008 in einem Interview der «Süddeutschen Zeitung». Diese Wahrnehmung scheint sich in den vergangenen Jahren verstärkt zu haben. Sie könnte dazu führen, dass demnächst sogar erstmals eine zweistellige Millionensumme für einen Bundesliga-Trainer bezahlt wird.

Das sogenannte Trainerkarussell dreht sich in Deutschland nicht nur wegen Hütter und Rose so schnell wie vielleicht noch nie. Auch Hansi Flick, der den FC Bayern trotz seines Vertrags bis 2023 im Sommer verlassen will, sitzt nun drauf. Sollte es so kommen, gilt RB Leipzigs Julian Nagelsmann als heißer Nachfolgekandidat. Obwohl er nicht mal eine Ausstiegsklausel hat. Um die 20 Millionen Euro Ablöse könnte der 33-Jährige den Rekordmeister kosten, wie die «Bild» schrieb. Es wäre der endgültige Beweis für die gestiegene Wertigkeit der Spitzenkräfte.

Die Bedeutung der Besten steigt. Und damit ihre Macht. Außerdem: Was wären schon 20 Millionen Euro für die wohl entscheidende Figur des Vereins, wenn man für einzelne Spieler schon lange teils deutlich mehr ausgibt? Ein Trainer scheint längst nicht mehr nur so gut oder schlecht wie seine Spieler, sondern ein richtig guter kann seine Spieler besser machen - und damit den Verein erfolgreich. Es ist dieses veränderte Bewusstsein, das letztlich auch für die Ausstiegsklauseln verantwortlich ist. Nicht nur Hütter und Rose haben eine, auch bei Oliver Glasner vom VfL Wolfsburg soll sie im Vertrag stehen. Ebenso bei Stuttgarts Trainer Pellegrino Matarazzo.

«In den meisten Trainerverträgen gibt es Abfindungsregelungen für den Fall des Misserfolgs. Daher finde ich es legitim, wenn ein Trainer nach einer Ausstiegsklausel für den Fall der erfolgreichen Zusammenarbeit fragt», sagte VfB-Sportdirektor Sven Mislintat im Interview von «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter Nachrichten».

Auch Hecking hält sie längst für einen «Teil des Geschäfts» - welches immer schnelllebiger wird. Anstatt bei einer möglichen Niederlagenserie in die branchenübliche Kritik zu geraten, können Trainer wie Hütter und Rose ihren Verein zu einem Zeitpunkt verlassen, in dem sie vielleicht am begehrtesten sind. Sie verlassen ihre Clubs nicht als «armes Schwein». Sondern selbstbestimmt.