Garmisch-Partenkirchen

Oberammergauer Passion geht zu Ende

03.10.2022 | Stand 03.10.2022, 8:57 Uhr

Viele Corona-Sorgen hat es gegeben, doch die 42. Oberammergauer Passionsspiele sind ein Erfolg geworden. Am Sonntag fällt zum letzten Mal in diesem Jahr der Vorhang. Dann naht die Stunde der Friseure.

Nach mehr als 100 Vorstellungen gehen am Wochenende die Oberammergauer Passionsspiele dieses Jahres zu Ende. Wenn am Sonntagabend der letzte Vorhang fällt, haben rund 412.000 Zuschauer das weltbekannte Laienspiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi gesehen. Die letzte Vorstellung wollte neben anderen der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, mit Bischöfen der Deutschen Bischofskonferenz besuchen.

Immer wieder hatte die Spielleitung trotz täglicher Tests der Darsteller mit coronabedingten Ausfällen zu kämpfen. Oft musste improvisiert und umbesetzt werden. Aber keine Vorstellung fiel aus.

Die Auslastung lag bei rund 91 Prozent, also höher als erwartet. Für die oberbayerische Gemeinde als Veranstalter wird ein Millionengewinn bleiben. Ein Teil des Erlöses wird in die nächste Passion 2030 fließen - schon in zwei Jahren starten wieder die Vorbereitungen.

Ob dann Spielleiter Christian Stückl, der das jahrhundertealte Spiel zum vierten Mal inszenierte noch einmal bereit steht, ist offen. Der 60-Jährige, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, sagte nur: Es gebe viele Fragen, wie es nach dem Passionsspiel weitergehe.

Stückl hatte die eigentlich 2020 geplante Passion wegen der Pandemie um zwei Jahre verschoben. Das kleine Bergdorf stellt mit den Laiendarstellern alle zehn Jahre ein außergewöhnliches Schauspiel auf die Beine. Spektakulär sind nicht zuletzt die Massenszenen mit Hunderten Menschen wie bei der Verurteilung Jesu. Sie sind ein Markenzeichen der Passion.

Erneut hat Stückl, der die Passion zum vierten Mal inszenierte, am Text gearbeitet, die Rollen weiterentwickelt, eng mit jüdischen Organisationen zusammengearbeitet. Er hat das Spiel seit 1990 grundlegend erneuert und von antijüdischen Inhalten befreit. Wieder ließ Stückl das «Schma Israel», eines der wichtigsten Gebete der Juden, auf Hebräisch singen. Jesus und die Jünger trugen Kippa. Stückl setzte mit dieser Betonung des Jüdischen in der biblischen Geschichte auch ein starkes Zeichen gegen immer neue antisemitische Auswüchse.

Dieses Mal sei ihm zudem besonders wichtig gewesen, zu zeigen, dass Jesus am Rande der Gesellschaft unterwegs war, sagte er. Ein Jesus, der ganz unklerikal den Menschen nah ist: Passend zu einer aus den Fugen geratenen Welt zeigte Stückl einen streitbaren und mitunter wütenden Jesus, der zum gewaltlosen Widerstand aufruft und zeitweise an der Menschheit verzweifelt.

Noch während die letzte Vorstellung läuft, werden voraussichtlich einige, die keinen Auftritt mehr haben, beim Friseur sitzen. Alle drei Salons im Ort öffnen extra. Seit Aschermittwoch 2021 hatten die Mitwirkenden der Tradition folgend Friseurverbot - ausgenommen sind die Darsteller der Römer.

Die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde zurück: 1633 versprachen die Oberammergauer, alle zehn Jahre das «Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus» aufzuführen.

© dpa-infocom, dpa:221001-99-971021/3