Kirchenrechtler: Wo sollen neue Bischöfe denn herkommen?

09.06.2021 | Stand 11.06.2021, 6:10 Uhr

Rolf Vennenbernd/dpa/Archivbild

Erzbischof Heße hat seinen Rücktritt angeboten, Erzbischof Marx auch - und die Entscheidung über die Zukunft von Erzbischof Woelki liegt ebenfalls in Rom. Das könnte die katholische Kirche mittelfristig vor ein Problem stellen: Fachkräftemangel.

Das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx könnte die katholische Kirche aus Sicht des Kirchenrechtlers Thomas Schüller vor ein akutes Personalproblem stellen. Papst Franziskus werde sich «gut überlegen, ob er den Verzicht annimmt», sagte der Direktor des Institutes für Kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster der Deutschen Presse-Agentur.

«Sollte er ihn annehmen, muss er einen Plan haben, wer neuer Erzbischof von München-Freising werden soll», sagte Schüller. «Da neben München auch Hamburg und Köln möglicherweise zu besetzen sein werden, stellt sich für Rom grundsätzlich die Frage, wo die neuen Erzbischöfe überhaupt herkommen sollen. Denn die katholische Kirche in Deutschland leidet unter einem eklatanten Mangel an Klerikern, die für das Bischofsamt überhaupt in Frage kommen.»

Marx hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, sein Amt als Antwort auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche niederlegen zu wollen und damit ein kirchenpolitisches Erdbeben ausgelöst. Zuvor hatte schon der Hamburger Erzbischof Stefan Heße dem Papst seinen Rücktritt angeboten - im Gegensatz zu Marx nicht ganz freiwillig, sondern wegen von Gutachtern vorgeworfenen Verfehlungen im Umgang mit Missbrauchsfällen. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, steht seit Monaten im Feuer der Kritik und wird nun von zwei Apostolischen Visitatoren begutachtet.

Papst Franziskus muss nun entscheiden, ob er das Rücktrittsgesuch des Kardinals annimmt. «Papst Franziskus ist kein Papst, der Dinge schnell übers Knie bricht», sagte Schüller. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) geht von Wochen oder sogar Monaten aus, bis die Entscheidung feststeht. Daniel Bogner, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz, glaubt dagegen, dass Franziskus sich nicht allzu lange Zeit lassen wird. «Da Kardinal Marx seinen Rücktrittswunsch bereits öffentlich gemacht, kann es sehr schnell gehen», sagt er. Der Schritt sei mit dem Papst abgesprochen. «Ich gehe deshalb davon aus, dass die Reaktion des Papstes nicht lange auf sich warten lassen wird.»

Marx' Schritt habe eine «neue Ernsthaftigkeit in die Debatte um den Weg der Kirche angesichts von Missbrauch und Reformstau» gebracht, sagte Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

«Das Rücktrittsgesuch ist Ausdruck von einer großen inneren Freiheit und bringt eine neue Freiheit in die Diskussion: Der Kardinal klebt nicht an seinem Amt», sagte Kirschner. «Er ist bereit, dort für die Kirche und für den Glauben zu arbeiten, wo es der Sache dient - und Ämter, Macht und Kontrolle loszulassen, wo es der Sache im Weg steht. Eine solche Freiheit aus dem Glauben würde ich mir auch von Kardinal Woelki wünschen.»

Franziskus wünsche sich «eine Kirche im Aufbruch». «Wenn der Papst aus dieser Haltung heraus seine Entscheidungen trifft, dann können das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx und die Visitation im Erzbistum Köln zu einem Wendepunkt für die Kirche in Deutschland werden.»