Video-Aktion bayerischer Tätowierer

Berufsverbot wegen Corona: Das geht Meister Ede unter die Haut

Landauer Tätowierer kann seit November nicht mehr arbeiten – Erlass gilt nur in Bayern – Bundesverfassungsgericht lehnt Eilantrag ab

01.05.2021 | Stand 02.05.2021, 14:43 Uhr

Mike Edling betreibt in Landau das FX-Tattoos-Studio, darf aber seit 1. November nicht mehr arbeiten.

Er gibt sich gern ein bisschen härter, hat keine Angst vor großen Namen und trotzdem weiß er jetzt nicht mehr weiter: Seit November darf er coronabedingt nicht mehr arbeiten.



  



Meister Ede, oder besser gesagt Mike Edling, ist Tätowierer aus Landau – seit 1. November wegen Corona mit einem Berufsverbot belegt. Er ging bis ans Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Doch er wurde abgewiesen – zumindest mit dem Eilantrag. Edling war zufrieden. „Ich konnte meine Familie selbst ernähren“, sagt er. Jetzt weiß er nicht mehr weiter. Ein paar Monate kann der Familienvater eigenen Angaben zu Folge schon noch aushalten, schließlich lief sein Geschäft vorher sehr gut, aber es muss sich etwas ändern. Schnell.



Ede ist gerne Einzelkämpfer, wie so viele in der Branche, erzählt er. Aber jetzt schafft man es offenbar nicht mehr alleine und deshalb haben sich über 40 Tätowierer aus Bayern zusammengeschlossen und gemeinsam ein Video veröffentlicht. Bayern ist das einzige Bundesland, das diese Art von körpernaher Dienstleistung nicht öffnen lässt - trotz eines Beschlusses der Bund-Länder-Konferenz im März. „Wir haben überlegt, eine Demo zu veranstalten – aber dann stehst du gleich in der Ecke“, berichtet Edling.

Von Bernhard Nadler

Er gibt sich gern ein bisschen härter, hat keine Angst vor großen Namen und trotzdem weiß er jetzt nicht mehr weiter: Seit November darf er coronabedingt nicht mehr arbeiten.



Er gibt sich gern ein bisschen härter, hat keine Angst vor großen Namen und trotzdem weiß er jetzt nicht mehr weiter: Meister Ede, oder besser gesagt Mike Edling, ist Tätowierer aus Landau – seit 1. November wegen Corona mit einem Berufsverbot belegt. Er ging bis ans Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Doch er wurde abgewiesen – zumindest mit dem Eilantrag.







Demo veranstalten? „Dann stehst du gleich in der Ecke“



Edling war zufrieden. „Ich konnte meine Familie selbst ernähren“, sagt er. Jetzt weiß er nicht mehr weiter. Ein paar Monate kann der Familienvater eigenen Angaben zu Folge schon noch aushalten, schließlich lief sein Geschäft vorher sehr gut, aber es muss sich etwas ändern. Schnell. Ede ist gerne Einzelkämpfer, wie so viele in der Branche, erzählt er. Aber jetzt schafft man es offenbar nicht mehr alleine und deshalb haben sich über 40 Tätowierer aus Bayern zusammengeschlossen und gemeinsam ein Video veröffentlicht. Bayern ist das einzige Bundesland, das diese Art von körpernaher Dienstleistung nicht öffnen lässt - trotz eines Beschlusses der Bund-Länder-Konferenz im März. „Wir haben überlegt, eine Demo zu veranstalten – aber dann stehst du gleich in der Ecke“, berichtet Edling.



Corona-Beschlüsse rauben ihm Existenz



Der 42-Jährige ist verzweifelt, frustriert, kann seine Lage irgendwie immer noch nicht annehmen, denn er weiß nicht, was er falsch gemacht hat. Aber die Corona-Beschlüsse rauben ihm die Existenz, jede Grundlage, jede Perspektive. Der Sachse folgte seinen Eltern, die nach der Wende nach Niederbayern kamen, und zog 2007 nach Landau. Er machte in der Höckingerstraße ein Tattoostudio auf, wohnt in der Nähe mit seiner Frau und der inzwischen dreijährigen Tochter. Ursprünglich hatte er Maurer gelernt, aber seine Liebhaberei war die Kunst. Daraus wurde Kunst unter der Haut. „Beruf kommt ja von Berufung“, erklärt er. „Wenn man ein Gabe hat und etwas gerne macht.“



Nur wenige Tage nach der guten Nachricht kam der Lockdown



Seinen neuen Beruf konnte er nicht in einer Ausbildung erlernen. Lange war ihm ein Dorn im Auge, dass jeder sagen konnte, er sei jetzt Tätowierer und deshalb freute er sich, dass im Oktober 2020 die DIN17169 erlassen wurde, die Standards für den Beruf verankert, die gängige Praxis sind und an denen sich auch das Gesundheitsamt bei den regelmäßigen Kontrollen orientieren kann. „Das fand ich gut“, sagt Edling. Nur wenige Tage danach kam der 1. November und er musste wie schon im ersten Lockdown vom 11. März bis 17. Mai seine Behandlungsräume schließen. Jetzt ist April und er darf immer noch nicht arbeiten.



Hohe Hygienestandards schon ohne Corona



Kunden, die zu ihm kommen, waschen sich gleich einmal die Hände, dann wird desinfiziert, ehe es in den Behandlungsraum geht. Dort auf der Liege liegt im Alltag eine Folie, die Haut wird mit einem alkoholischen Septikum eingerieben, die Hände erneut desinfiziert. Er selbst trägt Handschuhe und eine Maske, ähnlich den gängigen OP-Masken, nur gummiert und somit praktisch luftundurchlässig. Die Farben sind verschlossen, sind nur begrenzte Zeit haltbar, alle Spritzen sind steril und verpackt. Pro Tag hat er höchstens zwei Kunden.

„Das war bei mir gängige Praxis, da kannten wir das Wort Corona überhaupt noch nicht“, erzählt er. Insofern musste er in der Pandemie kaum etwas ändern. Jetzt tragen er und seine Kunden FFP2-Masken. Getränke oder Zeitschriften sind nicht mehr erlaubt. Beanstandungen habe es seinen Erzählungen zu Folge nie gegeben, Ansteckungen mit Corona schon gleich gar nicht.



Übers Oberverwaltungsgericht ans Bundesverfassungsgericht



Sein eigener Schutz ist ihm als Familienvater wichtig. „Es gab ja auch vorher schon Aids oder Hepatitis“, erklärt er seine Vorsichtsmaßnahmen. Da dies alles eine Schließung seines Geschäfts nicht verhinderte, suchte er einen Weg und klagte. Am 14. Februar reichte er die Anklage beim Verwaltungsgericht Regensburg ein. Das fühlte sich nicht zuständig, also ging es weiter zum Oberverwaltungsgericht Ansbach. Die zwölfseitige Urteilsbegründung fasst er so zusammen: Das Gericht sehe zwar eine Rechtswidrigkeit, werde an der Verordnung aber nichts ändern.



„Es ist dringlich, existenzgefährdet und alle Möglichkeiten in Bayern sind ausgeschöpft“, das war für ihn die Grundlage für den nächsten Schritt. Am 19. März ging sein Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Am 1. April gab es den Beschluss, dieses Mal nicht so wortreich: Abgelehnt, weil die Voraussetzungen nicht gegeben seien. Das sei unanfechtbar. Dieser Beschluss bezog sich auf den Eilantrag, das Hauptsacheverfahren läuft weiter. Edling ist gesagt worden, das könne zwei bis drei Jahre dauern.



Zeichnen, um nicht aus der Übung zu kommen



Am 30. Oktober hat Mike Edling das Rückenbild einer Frau vollendet. Das war sein bislang letzter Einsatz als Tätowierer. Um nicht aus der Übung zu kommen, malt und zeichnet er Bilder. „Es gibt Kunden, die auf die Fertigstellung warten“, erinnert er an einen aus seiner Sicht völlig unhaltbaren Zustand.