Fußball, Trash und Feminismus

191 Beiträge: Die Regensburger Kurzfilmwoche startet digital

21.05.2021 | Stand 21.05.2021, 13:49 Uhr

−Fotos: Kurzfilmwoche

„Kurzfilmkonfetti“ gibt es von 21. Mai bis 6. Juni bei der Kurzfilmwoche Regensburg, die heuer aufgrund der Pandemiesituation als reine Online-Veranstaltung stattfindet.

Das Festival präsentiert in fünf verschiedenen Wettbewerben aktuelle Kurzfilmproduktionen aus aller Welt, berichtet der Donaukurier: 191 Filme aus 47 Ländern von Algerien bis Vietnam – verteilt auf 27 Kurzfilmprogramme. Zusätzlich gibt es ein Eröffnungsfilm- und ein Preisträgerprogramm, Publikumslieblinge und ein umfangreiches Rahmenprogramm mit virtueller Ausstellung und Vernetzungsangeboten. Eigentlich fast alles wie sonst – oder Insa Wiese?


Frau Wiese, Sie haben das Kurzfilmfestival auf den Mai verschoben und dann doch als reines Online-Event geplant. Blicken Sie trotzdem auf die Inzidenzwerte, ob vielleicht doch zumindest ein Hybrid-Festival mit ein paar analogen Programmpunkten möglich gewesen wäre?
Insa Wiese: Die Entscheidung ist gefallen. Wir ziehen das jetzt so durch. Ein hybrides Festival zu planen ist sehr aufwendig. Wir hätten ja das Thon-Dittmer-Palais angemietet und allein die große Leinwand kostet schon 10.000 Euro. Das ist ein hoher Kostenfaktor. Weil die Leute immer noch wegen Corona verunsichert sind, ist unklar, ob sie die Veranstaltung dann auch so wahrnehmen, wie wir uns das wünschen. Denn auch wenn die Zahlen sinken – das Virus ist ja immer noch da. Wir hätten viel mehr Personal benötigt, um das Sicherheitskonzept realisieren zu können. Also nein: Die Entscheidung für ein digitales Festival war richtig. Schade ist es natürlich trotzdem.

Gibt es Themenschwerpunkte?
Wiese: Nicht so wie in den vergangenen Jahren. Da hatten wir Sonderprogramme wie „Starke Frauen“ oder „Natur und Nachhaltigkeit“ oder einen Länderfokus. Das gibt es dieses Jahr nicht, weil die Organisation und die Klärung der Rechte sehr aufwendig ist. Weil wir hybrid planen und online denken mussten, wäre das viel zu komplex gewesen. Deshalb setzen wir auf „Kurzfilmkonfetti“ und haben viele kleine Themen zusammengefasst: Es gibt ein Fußballprogramm, weil die Europameisterschaft bevorsteht. Es gibt ein Musikprogramm, weil wir ja so lange keine Konzerte besuchen durften. Es gibt was für Familien und mit den „Midnight Movies“ auch ein bisschen was zum Gruseln. Heuer sprechen wir mehr den Mainstream an, weil wir in gewisser Weise mit Netflix und Amazon Prime um das Publikum buhlen.

Wie verändert sich die Organisation des Festivals für die Künstlerische Leiterin, wenn alles digital stattfindet?
Wiese: Vor allem inhaltlich gibt es Änderungen. Ich liebe es, Themenprogramme zu konzipieren. Mit dem Konzept spreche ich Förderer an, versuche Sponsoren zu akquirieren, da hängt ganz viel dran. Was heuer schön war: Man kann mehr Filme zeigen von den aktuellen Einsendungen. Und mit „Trash and Fun“ gibt es jetzt ein eigenes Filmprogramm, das nicht in den Wettbewerb gepasst hat, aber einfach Spaß macht. Man hat eine andere Art von Freiheit.

Ist Ihre Arbeit mit der Planung getan?
Wiese: Nein, wir haben ja immer noch ein paar Live-Acts. Beispielsweise erklären die Expertinnen Catherine Colas (Arte) und Claudia Gladziejewski (BR), wie der Kurzfilm ins Fernsehen kommt. Es gibt ein Filmgespräch mit Marlene Denningmann zu Feminismus und Verschwörungstheorie. Der Film der Videokünstlerin „Eine gewisse Liebe zur Symmetrie“ läuft im Deutschen Wettbewerb. Und dann ist jeden Tag um 11 Uhr die „Daily Film Talks Lounge“ geöffnet, wo man mit Filmemachern ins Gespräch kommen kann.

Corona beschäftigt uns alle schon über ein Jahr. Ist es auch ein Thema in den Festivalbeiträgen?
Wiese: Wir hatten Einreichungen, die sich filmisch mit dem Lockdown auseinandersetzen. Viele haben leere Straßen gezeigt, das hat sich dann schnell wiederholt. Und ganz ehrlich: Will man das sehen? Die typischen Lockdown-Bilder erleben wir ja selbst jeden Tag. Einen Film fand ich aber ganz witzig, der auch im Eröffnungsprogramm gezeigt wird: „Meeting“ nimmt die Zoom-Konferenzen auf die Schippe und macht wirklich Spaß. Generell muss man wissen: Der Kurzfilm wird zwar schnell produziert, aber viele der Filme entstanden schon 2019 und da war Corona ja noch kein Thema.

Es gibt ein Musikprogramm. Wie haben Sie das zusammengestellt?
Wiese: Es gibt ja immer viele Filme mit musikalischem Schwerpunkt. Diesmal wurde eine Doku über die Einstellung einer ganz populären Musikzeitschrift eingereicht. Und wir dachten uns, dazu müsste man mal ein Programm machen, weil das ja tatsächlich ein Trend ist: Weil alles digital ist, werden solche speziellen Printprodukte eingestellt. Und dann haben wir ein bisschen gesammelt. In dem Programm gibt es auch den Kurzfilm „OCEAN(S)“, der vom Kammerchor Neutraubling vertont wird.

Ein Programm umfasst nur Fußballfilme. Gibt es da eine Nachfrage?

Wiese: Da die EM verschoben wurde, fällt der Start jetzt genau in unser Festival. Und das gab den Ausschlag, dazu ein Programm anzubieten. „Das Spiel“ des Schweizers Roman Hodel erzählt beispielsweise ein Spiel aus der Perspektive des Schiedsrichters. Es geht um Frauen bei der spanischen Fußball-Freestyle-Meisterschaft. Und um zwei Kinder und ihren Vater, die den letzten Zug zum Fußballspiel verpassen und sich an einem öden Bahnhof die Zeit vertreiben müssen. Wir zeigen die ganze Bandbreite: Was kann man mit dem Ball machen? Was gehört zum Fußball dazu? Woher kommt die Leidenschaft für diesen Sport?

Was macht eigentlich den Reiz des Kurzfilms aus?
Wiese: Dass er auf der einen Seite so kurz ist und für sich allein steht, aber er in so einem Programm, wie wir das kuratieren, wie eine Wundertüte funktioniert. Wenn ich mir im Kino einen Zweistundenfilm ansehe, der mich nach 30 Minuten langweilt, ist der ganze Abend gelaufen. Bei einem Kurzfilmprogramm gibt es viel Abwechslung. Da haben die Filmemacher auch mehr Mut zum Experiment, weil er ja nicht so ein großes Budget hat wie ein langer Film.

Zum 5. Mal wird ein Architekturfilmpreis im Rahmen der Kurzfilmwoche vergeben. Wie kam es denn dazu?
Wiese: Der Film hat selber viel mit Architektur zu tun. Man denke nur an den Set-Aufbau, an die Suche nach Locations. Es gibt aber ganz viele Filme, die das Thema Architektur selbst zum Thema haben – wenn es um Stadtentwicklung geht, um den sozialen Raum, um Gentrifizierung. Das ist spannend und vielseitig. Deshalb gibt es einen eigenen Wettbewerb.

Ist eigentlich jedes Programm zu jeder Zeit abrufbar?

Wiese: Am Freitag geht es los. Dann kann man sich alles ansehen, was man will. Sobald man das Programm gestartet hat, ist es aber nur 24 Stunden verfügbar über das Ticket, das man gekauft hat. Ein Programm kostet 5 Euro, der Festivalpass kostet 40 Euro.

Welchen Film sollte man auf keinen Fall verpassen?
Wiese: Im deutschen Wettbewerb läuft „Sugar“, in dem Bjørn Melhus einen Kuschelrobotor auf eine Reise in die postapokalyptische Zukunft schickt. Der Film hat mich sehr an die Ästhetik von Stanley Kubrick erinnert – und macht einfach großen Spaß.

Die Fragen stellte Anja Witzke.