03.07.2018, 20:01 Uhr

Bayerisches Landesverzeichnis Würdigung für zwölf lebendige kulturelle Ausdrucksformen – Zoiglkultur wird immaterielles Kulturerbe

(Foto: Knut Niehus/123rf.com)(Foto: Knut Niehus/123rf.com)

„Mit der Aufnahme in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes würdigen wir zwölf lebendige kulturelle Ausdrucksformen, die unser Bayern unverwechselbar machen. Mit dem heutigen Festakt wollen wir die Bedeutung dieser Traditionen und Bräuche unterstreichen und unsere besondere Wertschätzung für die vielen Menschen ausdrücken, die sich in der Heimat verwurzelt fühlen“, sagte Kunstministerin Prof. Dr. med. Marion Kiechle beim Festakt anlässlich der Erweiterung des Bayerischen Landesverzeichnisses des immateriellen Kulturerbes im Neuen Schloss Schleißheim.

OBERPFALZ „Indem sie unser immaterielles Kulturerbe mit Leben erfüllen wird auch die Weitergabe an künftige Generationen gesichert. Mein herzlicher Dank für diese große Leidenschaft und das herausragende persönliche Engagement.“ Die Ministerin betonte: „Immaterielles Kulturerbe stiftet Gemeinschaft, Identität und Sinn. Zugleich führt es uns vor Augen, dass wir vielfältig verbunden sind – mit unseren Nachbarn, regional und auch innerhalb Europas. Das im Jahr 2015 eingerichtete Landesverzeichnis schafft eine angemessene Plattform für den Reichtum an Kulturformen in Bayern. Mittlerweile zählt es 37 Einträge – das ist eine beeindruckende Bilanz für Bayern.“

In der Bundesrepublik Deutschland ist das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2013 in Kraft getreten. Ein achtköpfiges Expertengremium unter Leitung des Regensburger Kulturwissenschaftlers Prof. Daniel Drascek hat alle im dritten Ausschreibungsverfahren eingegangenen Bewerbungen intensiv begutachtet. Eine besondere Rolle spielten hierbei die maßgeblichen Kriterien des UNESCO-Übereinkommens wie zum Beispiel Alter, Wandel und Tradierung, Inhalt, Trägergruppe, Bedeutung, Erhalt, Gefährdung sowie Kommerzialisierung.

Agnes-Bernauer-Festspiele Straubing

Der Agnes-Bernauer-Festspielverein in Straubing führt im Innenhof des herzoglichen Schlosses im vierjährigen Turnus ein Freilichttheater auf, das seit 1935 in verschiedenen Tableaus die in den lebensgeschichtlichen Details legendäre, 1435 in Straubing hingerichtete Baderstochter Agnes Bernauer darstellt. Bei der von rund 200 Laiendarstellern aus Stadt und Umland getragenen Inszenierung, die eine wiederholte Neubearbeitung erfahren hat, wird insbesondere bei der Ausstattung auf historische Detailtreue wert gelegt und trägt so zur Identifikation mit der Stadt- und bayerischen Landesgeschichte bei.

Aktivitäten des Jurahausvereins e. V. zum Erhalt der Jurahäuser in der Altmühlregion

Der Erhalt der traditionellen Baukultur von Jurahäusern im Altmühltal, von denen sich noch etwa 3.000 erhalten haben, stellt vor allem handwerklich eine große Herausforderung dar. Die historischen Jurahäuser sind geprägt durch eine Dachdeckung aus dünnen, nur an einer Kante gerade gehauenen Jurakalksteinplatten und einen schlichten kubischen Baukörper. Der 1984 gegründete Jurahausverein e. V. mit circa 800 Mitgliedern hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch das in Eichstätt gegründete Museum „Das Jurahaus“ und eine Vielzahl von Aktivitäten wie Vorträge, Führungen, Workshops und Publikationen die Erhaltung der regionalen Baukultur zu sichern.

Augsburger Friedensfest

Das Augsburger Friedensfest entstand im Jahre 1650 anlässlich der Wiedererlangung der freien protestantischen Religionsausübung nach dem Dreißigjährigen Krieg. Seit dem 20. Jahrhundert stellt das mittlerweile ganz bewusst überkonfessionell und interreligiös ausgerichtete Fest mit gegenwärtig über 60 Veranstaltungen die wechselseitige Achtung des Anderen und die Friedenssicherung in den Mittelpunkt. Als Deutschlands einziger städtischer gesetzlicher Feiertag (8. August) ist das Augsburger Friedensfest das zentrale gesellschaftliche Festereignis.

Drechslerhandwerk

Die Handwerkstradition des Drechselns ist eine sehr alte Form der mechanischen Bearbeitung von Werkstoffen. Heute wird das Handwerk neben meist kleinen Betrieben, die sich auf Einzelstücke oder Kunsthandwerk spezialisiert haben, als Hobby oder künstlerisch motiviert betrieben. Mit der Berufsschule in Bad Kissingen (einer von zwei verbliebenen in ganz Deutschland) und der Stadt Fürth als Sitz des Drechslerfachverbandes ist Bayern ein wichtiges Zentrum im Hinblick auf die Weitervermittlung der handwerklich-tradierten Fähigkeiten und Techniken.

Fürther Michaeliskirchweih

Die Fürther Michaeliskirchweih zählt zu den größten Stadtkirchweihen in Bayern. Mit ihren Elementen des überkonfessionellen Kirchweihgottesdienstes, dem Kirchweihmarkt, der Wirtshauskerwa, dem Unterhaltungsbereich und dem in den Medien übertragenen Erntedankumzug steht sie mit einer großen historischen Tiefe stellvertretend für Kirchweihfeste in den Städten Frankens.

Gemeinschaftswälder im Steigerwald

Im Steigerwald findet man noch heute häufig sogenannte „Stockausschlagwälder“ vor. Laubbaumarten werden im Abstand von einigen Jahrzehnten abgeschlagen – also auf den Stock gesetzt, was vor allem der Gewinnung von Brennholz dient. Die Bewirtschaftung der rund 100 bäuerlichen Gemeinschaftswälder im Steigerwald erfolgt auf Basis eines breiten Spektrums an genossenschaftlichen Rechtsformen mit Jahrhunderte alten überlieferten Praktiken der Vermessung, des Einschlagens sowie Regelungen zur Verteilung des Holzes unter den etwa 2.600 Waldrechtlern.

Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg als Vermittlerin von Wissen um die Natur und das Universum

Die Nürnberger Naturhistorische Gesellschaft vereinigt einen aufklärerischen Vermittlungsimpetus mit einer breitenwirksamen, auf ehrenamtlicher Basis gründenden Vermittlungsarbeit. Neben der Tradierung historischer Sammlungen stehen eigene Schwerpunkte im Sinne einer „Citizenscience“ im Mittelpunkt, womit die Aktivitäten an der Schnittstelle von akademischer Wissenschaft und bürgerlicher Wissensgenerierung stehen.

Nürnberger Epitaphienkultur

Die reich gestalteten metallenen Relieftafeln auf den liegenden Grabsteinen der Nürnberger Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus machen diese zu einem wichtigen Erinnerungsort und geben Zeugnis über die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Nürnberger Epitaphienkultur. Die historischen Neuschöpfungen und Neuinterpretationen stellen eine moderne Form der Trauerarbeit dar.

Oberpfälzer Zoiglkultur

Charakteristisch für die Oberpfälzer Zoiglkultur ist das gemeinschaftliche Brauen im lokalen Kommunbrauhaus sowie der von intensiver Kommunikation begleitete Ausschank und Konsum des handwerklich gebrauten Bieres bei (Laien)Wirten. Die traditionell geringen Produktionschargen bedingen einen nur temporären Ausschank in wechselnden Lokalitäten. In der Oberpfalz lassen sich Belege für das Kommunbrauwesen und die Zoiglkultur bis in das Jahr 1415 (Neuhaus) zurückverfolgen.

Schafhaltung in Bayern

Als traditionelle Form der Tierhaltung hat die Schäferei gerade auch in Bayern seit Jahrhunderten eine prägende Wirkung auf verschiedene Kulturlandschaften (Wacholderheiden, Trocken- und Magerrasen) mit gegenwärtigen Schwerpunkten in Franken und Schwaben. Heutzutage im „Landesverband Bayerischer Schafhalter“ mit seinen rund 1.500 Schafhaltern organisiert, lassen sich die Schäfervereinigungen auf die seit dem 15. Jahrhundert belegbaren Schäferzünfte zurückführen. Für den sozialen Zusammenhalt von zentraler Bedeutung sind vielfältige tradierte Brauch- und Festformen wie Schäferläufe, Hütewettbewerbe oder Schäfertänze.

Tradition der Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land

17 Mitgliedsvereine der „Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes e. V.“ mit über 3.300 Mitgliedern üben zu verschiedenen festlichen Anlässen den Brauch des Böllerschießens mit ihren Hand- und Schaftböllern aus. Dabei verstärkt der Widerhall im Berchtesgadener Talkessel die akustische Wirkung der verschiedenen Einzel-, Schnell- und Salvenfeuer auf besonders eindrucksvolle Weise.

Traditionelle Dörrobstherstellung und Baumfelderwirtschaft im Steigerwald

Das traditionelle Dörren von Obst erfolgt im Steigerwald mittels holzbefeuerter Öfen auf sogenannten Därren. Verbunden ist diese seit vielen Generationen überlieferte handwerkliche Technik mit der Baumfelderwirtschaft, bei der auch die Flächen unter den Obstbäumen (Birne, Apfel, Zwetsche, Kirsche) landwirtschaftlich genutzt werden. Die seit Generationen bestehende Herstellung von Dörrobst und Baumfelderwirtschaft verbindet ein Wissen im Umgang mit der Natur mit tradierten Fähigkeiten der Lebensmittelkonservierung.


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