15.12.2020, 12:22 Uhr

Kultur Erstes Projekt zur Provenienzforschung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie abgeschlossen

Gustav Graef, Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813, um 1860/61, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg. Foto: KOG/Wolfram Schmidt FotografieGustav Graef, Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813, um 1860/61, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg. Foto: KOG/Wolfram Schmidt Fotografie

Ende November diesen Jahres hat das Kunstforum Ostdeutsche Galerie ein erstes Projekt zur Provenienzforschung abgeschlossen.

Regensburg. Seit Dezember 2018 hat Provenienzforscherin Natascha Mazur Werkbiografien von insgesamt 146 Gemälden untersucht. Im Fokus stand die Zeit zwischen 1933 und 1945, um einen NS-verfolgungsbedingten Entzug auszuschließen. Bei 38 Gemälden belegte Mazur eine einwandfreie Provenienz. Für 106 konnte sie die Eigentumsverhältnisse nicht lückenlos rekonstruieren, während der Recherche haben sich jedoch keine Verdachtsmomente ergeben, die auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug hindeuten. Zwei Werke, die sich vor 1933 im jüdischen Besitz befanden und für den betroffenen Zeitraum trotz intensiver Forschung weiterhin Provenienzlücken aufweisen, wurden an die Lost Art-Datenbank gemeldet. Das Forschungsprojekt wurde durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern gefördert. Dank einer Förderung durch den Bund kann das Museum ab Dezember 2020 die Provenienzforschung für weitere Kunstwerke fortsetzen.

Provenienzforschung verbindet man in erster Linie mit dem Begriff Nazi-Raubkunst, der oft für reißerische Schlagzeilen sorgt. Doch das Forschungsfeld ist viel breiter gefasst. Es geht allgemein um das Sichtbarmachen und Darstellen wechselnder Eigentumsverhältnisse und Herkunftsgeschichten von Kulturgütern. Besonders aufklärungsbedürftig sind dabei solche Fälle, wo rechtswidriges Handeln im Spiel ist – wie zum Beispiel bei Kolonialen Entzugskontexten oder Entzugskontexten in der ehemaligen DDR, aber auch bei aktuellen Kulturgutverlagerungen. In Deutschland liegt der Fokus auf der NS-Zeit. Das Ziel ist es, Kulturgüter ausfindig zu machen, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, deren Vorkriegseigentümer oder ihre Erben aufzuspüren und eine „gerechte und faire Lösung zu finden“. Das ist der Kern der so genannten Washingtoner Prinzipien von 1998, denen die Bundesrepublik Deutschland folgt.

Bereits 2008 hat der Staat die Vorgängerinstitution des heutigen Deutschen Zentrums Kulturgutverluste gegründet. Das Zentrum koordiniert und unterstützt unter anderem die deutschen Museen bei der systematischen Prüfung ihrer Bestände. „In der Praxis bedeutet das vor allem umfassende Recherchen, akribisches Studieren von Archivdokumenten, Auktionskatalogen und Literatur auf der Suche nach kleinsten Anhaltspunkten, die weiterhelfen können“, beschreibt Natascha Mazur, Provenienzforscherin im Kunstforum Ostdeutsche Galerie, ihre Arbeit. „Wie wohl in keinem anderen Bereich der Kunstgeschichte muss man sich auch mitunter damit abfinden, dass Quellen fehlen und dass man nicht weiterkommt,“ fasst sie zusammen.

Während der ersten Phase der Provenienzrecherche im KOG prüfte Mazur insgesamt 146 Gemälde aus dem stiftungseigenen Bestand, darunter auch Dauerleihgaben der Freunde und Förderer des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Für 38 Gemälde gelang es ihr, alle Eigentumsverhältnisse zwischen 1933 und 1945 zu ermitteln. Damit kann ein NS-verfolgungsbedingter Entzugskontext ausgeschlossen werden – auf der Provenienzampel liegen sie im grünen Bereich. Weitere 106 Werke fallen in den gelben Bereich der Ampel. Ihre Provenienz im untersuchten Zeitraum gelang es trotz intensiver Forschung nur lückenhaft darzustellen. Jedoch haben sich während der Recherche keine konkreten Anhaltspunkte für einen NS-verfolgungsbedingten Entzug ergeben.

Zwei Gemälde stufte Mazur in die orangefarbene Kategorie ein. Ihre Provenienz gilt als bedenklich. Es betrifft das beidseitig bemalte Gemälde von Jakob Steinhardt „Leichenzug (Straßenzug)/Dorf (Zerkow)“ aus dem Jahr 1922/1924 und das Gemälde „Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813“ aus dem Jahr 1860/1861 von Gustav Graef (Foto). Bei beiden Werken ist ihr Verblieb zwischen 1933 und 1945 nicht vollständig nachzuvollziehen, vor 1933 befanden sie sich in jüdischem Besitz. Bislang konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, dass es sich tatsächlich um sogenannte NS-Raubkunst handelt. Aufgrund der offenen Fragen übermittelte das Museum die Daten an die Lost-Art-Datenbank. Seit dem 2. Dezember 2020 sind sie hier unter den Lost Art ID-Nummern „592582“ und „592583“ als Fundmeldungen gelistet.

Die vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste angelegte Datenbank sammelt alle Such – und Fundmeldungen zu jeglichen während der NS-Zeit verschollenen Kulturgütern. „Mit der Meldung an die Lost-Art-Datenbank haben wir alles zu diesem Zeitpunkt Mögliche getan und hoffen, dass der Eintrag zur weiteren Aufklärung der Fälle hilft,“ fasst Dr. Agnes Tieze, Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie, zusammen. „Wir freuen uns, dass wir nun dank der Förderung durch die Staatsministerin für Kultur und Medien die Provenienzrecherche bei uns im Museum fortsetzen können,“ beschließt sie. Das neue Projekt startete am 1. Dezember 2020 und ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Natascha Mazur kann so nahtlos an ihre bisherige Arbeit anknüpfen und weitere circa 350 priorisierte Kunstwerke untersuchen. Dieses Mal stehen die Leihgaben der Bundesrepublik Deutschland im Mittelpunkt, die sich dauerhaft im KOG befinden.


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