Nachruf
Die Stadt Regensburg erinnert an Dr. Peter Radtke

11.12.2020 | Stand 21.07.2023, 6:55 Uhr
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Dr. Peter Radtke ist tot. Der Schauspieler, Autor, Literaturwissenschaftler und Kämpfer für Behindertenrechte ist am 28. November im Alter von 77 Jahren in München verstorben.

Regensburg. Für sein künstlerisches Wirken und sein Bemühen um Integration wurde er 1985 mit dem Kulturförderpreis und 1998 mit dem Kulturpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet.

Aufgewachsen in Regensburg

Dass Peter Radtke 1943 in Freiburg im Breisgau mit der Glasknochenkrankheit auf die Welt kommt, offenbart sich bei der Geburt: Bereits der Säugling leidet an Knochenbrüchen, die Ärzte geben ihm kaum Überlebenschancen. Kurz danach zieht die Familie nach Regensburg. Die Liebe seiner Eltern, der Krankenschwester Käte und des Schauspielers Ernst, lässt ihn behütet aufwachsen und verleiht ihm das nötige Selbstbewusstsein für seine Bildungs- und anschließende Bilderbuchkarriere.

Schauspieler, Literaturwissenschaftler und Tausendsassa

Nach einer Ausbildung zum Dolmetscher erwirbt Radtke am hiesigen Abendgymnasium das Abitur und studiert anschließend Germanistik und Romanistik unter anderem in Genf. 1976 promoviert er an der Universität Regensburg im Fachbereich Literaturwissenschaften zum Thema „Das Problem der ‚Brüchigkeit‘ bei Rabelais, Diderot und Claudel“ und nimmt damit auf wissenschaftliche wie philosophische Weise sein Lebensthema unter die Lupe. Von der Fragilität der äußeren Umstände ließ er sich nie beirren, sondern nahm seine Lebensziele stets klar in den Blick.

Dr. Peter Radtke erschloss sich eine Vielzahl von Bühnen, auf denen er wirken sollte. Er war in vielen Disziplinen zu Hause, lotete deren Dimensionen beharrlich wie geduldig aus und erweiterte sie über die bestehenden engen Grenzen hinaus. Im Jahr 1974 gründete er die „Kontaktgruppe Behinderter Nichtbehinderter der Stadt und des Landkreises Regensburg e. V.“, sodann war er mit dem Aufbau und der Leitung des Behindertenprogramms der Münchner Volkshochschule betraut. Dort lernte er auch seine Ehefrau kennen.

Daneben etabliert er sich als Künstler und Aktivist, so dass er bereits am Ende der 70er-Jahre erfolgreiche Engagements am Theater wie beim Film vorzuweisen hatte. Als Mitbegründer des „Münchner Crüppel Cabarets“ und der ersten integrativen Schauspielausbildung am Akademietheater in Ulm erweist er sich als Pionier, der erste Strukturen schafft, Menschen mit Behinderung eine gleichberechtigte Rolle in der Gesellschaft zukommen zu lassen.

In den Reformjahren der Bundesrepublik entwickelt sich Peter Radtke zu einem der bekanntesten Gesichter dieser Emanzipationsbewegung. In verschiedenen Rollen gestaltet er als Protagonist die Aktionsfelder der Integration und setzt so in einem beeindruckenden Kraftakt das Wagnis des demokratischen Dialogs in die Realität um. Bemerkenswert ist dabei die Vielgestaltigkeit seiner Talente und seines Wirkens: Dem Utopisten steht der Organisator zur Seite, dem Avantgardisten die Leichtigkeit des künstlerischen Bühnenspiels.

Die Früchte der von ihm bestellten Felder bescheren ihm reichlich Anerkennung und Erfolg. Von 1984 bis zu seiner Pensionierung 2008 wirkt er als Geschäftsführer und leitender Redakteur der „Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien“ und ist damit Mediator und Kommunikator an einer für den medialen Diskurs einflussreichen Schlüsselposition. Seit 2003 war er Mitglied im „Nationalen Ethikrat“ sowie in dessen Nachfolgeorgan, dem „Deutschen Ethikrat“, wo er sich als Experte gegen die Pränatal-Diagnostik einsetzte und die Grenzen medizinischer Möglichkeiten deutlich markierte.

Schauspielerische Erfolge feierte er an renommierten Häusern wie dem Wiener Burgtheater, den Münchner Kammerspielen und dem Schauspielhaus Zürich; dabei sind hervorzuheben seine Zusammenarbeit mit Regisseuren wie George Tabori und sein Wirken in Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Auch als Autor wurde er geschätzt, unter anderem für seine Autobiographie „Ein halbes Leben aus Glas“ sowie sein Bühnenstück „Nachricht vom Grottenolm“.

Peter Radtke wurde für sein umfängliches Schaffen vielfach ausgezeichnet. So erhielt er etwa das Bundesverdienstkreuz am Bande oder den Medienpreis der Bundesvereinigung Lebenshilfe.

Verdienste um das integrative und kulturelle Leben in Regensburg

Dr. Peter Radtke war nicht nur im gesamten deutschsprachigen Raum, sondern auch in seiner Heimatstadt Regensburg ein wichtiger Wegbereiter und setzte als starker Mann entscheidende Akzente: Er blickte immer über Tellerränder hinaus und zielte in seinem Lebenswerk auf das gesellschaftliche Ganze. In Anerkennung seines Wirkens verlieh ihm die Stadt Regensburg bereits 1985 den Kulturförderpreis für seine Verdienste als Dozent, Autor und Schauspieler. 1998 wurde ihm als besondere Würdigung der Kulturpreis der Stadt Regensburg zugesprochen.

Die Unbeirrbarkeit, mit der Peter Radtke sein Leben lebte, spiegelt sich im wahrsten Wortsinn selbstbewussten Satz: „Ich leide nicht an der Behinderung, ich habe sie einfach. Es ist eine Art Lebensform.“

Regensburg