08.07.2020, 13:54 Uhr

Hommage an Sichtbeton „Geliebtes Monster“ – Künstlerin verarbeitet 60er-Jahre-Architektur mit Relikten aus Wirsing-Turm

Luiza Margan baut auf: „Geliebtes Monster“ im „Donumenta Art Lab Gleis 1“. Foto: Regina Hellwig-SchmidLuiza Margan baut auf: „Geliebtes Monster“ im „Donumenta Art Lab Gleis 1“. Foto: Regina Hellwig-Schmid

„Geliebtes Monster“ nennt die kroatische Künstlerin Luiza Margan ihre Installation aus Überresten des Wirsing-Turms aus den späten 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie besteht aus Original-Relikten des Hochhauses. Regensburgerinnen und Regensburgern ermöglicht die Künstlerin dadurch einen besonderen Zugang zur jüngeren Stadtgeschichte. Die Installation ist vom 9. Juli bis zum 16. August im „Donumenta Art Lab Gleis 1“ zu sehen.

Regensburg. Als Luiza Margan im Herbst 2019 zum ersten Mal nach Regensburg kam, sich mit dem Ausstellungsort in der früheren Fußgängerunterführung im Hauptbahnhof und der Stadt selbst beschäftigte, zog der sogenannte Wirsing-Turm am Ernst-Reuter-Platz ihre Aufmerksamkeit auf sich. Das Gebäude war bereits entmietet, wurde zurückgebaut, doch erkannte Luiza Margan sofort seine architektonische Bedeutung als Beispiel für den so genannten Brutalismus. Hergeleitet vom französischen brut für roh und ungeschliffen wurde Sichtbeton in der Folge Le Corbusiers zu einem architektonischen Ideal, das Ehrlichkeit bei Material und Konstruktion mit sozialen Aspekten verband.

Das ehemalige Studentenwohnheim, in den späten 60er-Jahren vom Münchner Architekten Werner Wirsing geplant, war ein solch soziales Projekt. Bis zu seinem Abriss im Februar 2020 beeindruckte das Hochhaus durch seine in Rot und Blau gestaltete Nordfassade mit gelochten Balkonbrüstungen. Hier wohnten Generationen von Studierenden, feierten Feste und begegneten Freundinnen und Freunden fürs Leben. Ungeachtet der Proteste engagierter Bürgerinnen und Bürger, die für die Sanierung des Bauwerks eintraten, wurde der Wirsing-Turm im Februar 2020 abgerissen. Dieses Ereignis markiert den Beginn der Sanierung des Kepler-Areals am Ernst-Reuter-Platz.

Margans Installation thematisiert die Unvereinbarkeit zweier widerstrebender Tendenzen: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Bewahrung des kulturellen Erbes mit den ihr eingeschriebenen sozialen Werten und auf der anderen Seite triumphiert die Verwüstung, die dem Streben nach profitorientierter Stadtgestalt folgt. Zwei Hauptwerke definieren den Raum im donumenta ART LAB Gleis 1. Das erste, das Wandgemälde „Grey. Blue. Red.“ bezieht sich auf die Nordfassade des Gebäudes und ist in den ursprünglichen Farben gehalten. Das Raster wird durch Reihen kreisförmiger Lichtspiele unterbrochen. Wenn Licht durch die Löcher der Balkonbrüstungen scheint, wirft es kreisförmige Muster auf die Gebäudeoberfläche. Eines dieser runden Farbmuster ist ein tatsächliches Loch in der Wand – ein Guckloch, durch das die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher in Zeitlupe das Video vom Einsturz des Wirsings-Turms sehen können. Dieses Erlebnis versetzt die Betrachterinnen und Betrachter in eine Position der Intimität und Vergewisserung unserer Rolle als Bürger, während es gleichzeitig die passiv voyeuristische Komplizenschaft mit der Theatralik der Zerstörung unterstreicht.

Im übrigen Ausstellungsraum dominiert das dynamische Spiel mit neu geschaffenen Skulpturen. Sie bestehen jeweils aus einer hochgezogenen Holzplattform, die eine fünf Meter lange metallene Balkonbrüstung trägt. Das Material hat Margan nach der Zerstörung des Wirsing-Turms erworben, in eine neue Form gedreht und mit einer zusätzlichen Metall- und Holzkonstruktion gestützt. Diese langen, in neue Formen gebogenen Gitter zelebrieren die Idee des Balkons als Raum der Interaktion zwischen Öffentlich und Privat, der gemeinsamen Erfahrung, der Gemeinschaft und des Mitspracherechts.

Luiza Margan wurde in Rijeka, Kroatien geboren und studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Sie lebt und arbeitet in Wien und Rijeka. In ihrer Arbeit ist Margan die Beziehung zwischen privater und öffentlicher Sphäre wichtig. Ihr Werk entwickelt sie wie in „Geliebtes Monster“ aus historischem Material und flanierender Beobachtung. Durch das Sammeln und die Rekontextualisierung gefundener Materialien konstruiert sie neue Objekte. Dadurch entstehen neue Sichtweisen. Margan stellte in zahlreichen internationalen Museen und Galerien aus. Sie initiierte vielbeachtete Aktionen und Performances im öffentlichen Raum. Ihre Werke sind in internationalen, öffentlichen und privaten Kunstsammlungen vertreten unter anderem in der Generali Sammlung Salzburg, im Museum für Zeitgenössische Kunst 21 Haus Wien, im Museum für Zeitgenössische Kunst Zagreb oder im Tabakmuseum Ljubljana.


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