21.11.2019, 11:53 Uhr

Arbeitskreis erinnert an Historie Königswiesener Gartenhaus wurde abgerissen – ein „Stück Geschichte“ ist wohl unwiederbringlich verloren


Es ist endgültig vom Erdboden verschwunden: Das Gartenhaus im Park Königswiesen wurde abgerissen und das Gelände aufgeschüttet. Der Arbeitskreis Kultur Regensburger Bürger lud anlässlich dieser „Kultursünde“ am Freitag, 15. November, zu einem Ortstermin ein, um an die Geschichte des Landguts und dessen berühmten Gast, Max Reger, zu erinnern.

REGENSBURG Ein kleiner Kahn fährt mit einem verliebten Pärchen über den Teich, im Schilf quaken die Enten, das Plätschern des Springbrunnens, der Kühle am heißen Sommertag im Rosengarten spendet, ist leise zu vernehmen und auf den Wiesen unter den Bäumen hört man das verhaltene Gelächter der flanierenden Damen und Herren. Es herrscht fröhliches Treiben rund um das Gartenhaus mitten in der wunderschönen Parkanlage. Lange ist das her. Zugegeben, ziemlich lange. Dieses Bild bot sich einem Besucher wohl vor rund 130 Jahren am Landgut Königswiesen in Regensburg.

Am Freitagmittag, 15. November, hörte man hier nur das Dröhnen und Brummen der Planierraupen und Lastkraftwagen, die Erde wegtransportierten. Sie waren gekommen, um auch die letzten Erinnerungen an das Gartenhaus quasi dem Erdboden gleich zu machen. Und ein paar laute Stimmen hörte man, die sich nochmals vehement gegen diesen Abriss und die Zerstörung von Stadtteilidentität aussprachen. Der Arbeitskreis Kultur Regensburger Bürger (AKK) unter der Leitung von Joachim Buck hatten gemeinsam mit dem Architekten und Bauforscher Stefan Ebeling zu einem Ortstermin geladen, um nicht nur an die Geschichte des Gartenhauses zu erinnern, sondern auch, um Vorschläge für die zukünftige Gestaltung der Fläche zu sammeln. An einem Bauzaun montierte der Verein eine Plane, die einen Stich der Gartenhausanlage aus dem Jahr 1895 zeigt und ein Gemälde des vielleicht berühmtesten Gastes des Guts Königswiesen: Max Reger. Der Komponist war als junger Mann auf dem Gut, das zu diesem Zeitpunkt im Besitz seines Onkels war, immer wieder zu Gast und hat vielleicht auch in der Dechbettener Kirche Orgel gespielt. Vermutlich hat auch er sich am weitläufigen Garten erfreut und den Blick auf Teich und Springbrunnen genossen.

Bis in die 1960er war das Gut Königswiesen auf der natürlichen Anhöhe und die Felder darum landwirtschaftlich genutzt worden. Als zu dieser Zeit in Regensburg – wie auch heute wieder – arger Wohnungsmangel herrschte, hatte die Stadt, in deren Besitz sich das Gut mittlerweile befand, weite Flächen bebauen lassen. Im klassischen Stil der 70er entstand das Wohngebiet „Königswiesen Nord“. Das weitläufige Landgut wurde zum Park „geschrumpft“, wobei Rosengarten, Teich und Springbrunnen schon nicht mehr existierten. Das Gartenhaus selbst wurde von Mitarbeitern des Gartenamts noch etliche Jahre genutzt, bis es zuletzt leer stand und vor sich hin rottete. So kam es, dass im Grundstücksausschuss der Stadt 2017 der Abriss beschlossen wurde.

Nachdem der Arbeitskreis Kultur gerüchteweise von dem Beschluss erfahren hatte, setzten sich die Mitglieder seit 2018 vehement für den Erhalt des Gartenhauses ein. Vergeblich. „Wir haben Vorschläge angebracht, was mit dem Haus geschehen könnte. Angedacht war ein Haus für Vereine oder ein ‚Haus des Engagements‘ in unmittelbarer Nähe zum Königswiesener Familienzentrum. Möglich wäre auch ein Literaturhaus für den Stadtschreiber gewesen“, so Buck. Architekt Stefan Ebeling hatte gar die Idee, ein Seminar mit Studenten der OTH zur Instandsetzung des Gartenhauses abzuhalten. Nach Auskunft der Stadtverwaltung vom Mai 2018 sollte die Fläche des ehemaligen Gartenhauses in den Königswiesener Park integriert werden, um eine weitere Aufwertung des Parks und eine Steigerung des Erholungswertes zu realisieren. Auch aus ökologischer Sicht sei die Entsiegelung der Fläche folgerichtig und erstrebenswert.

Im Ferienausschuss 2019 war ad hoc durch den Arbeitskreis Kultur noch ein Antrag gestellt worden, um den Abriss eventuell zeitlich auszusetzen. Mehrheitlich wurde dieser mit dem Hinweis, dass die Bagger ja quasi schon vor dem Park stünden, im Ausschuss abgelehnt. Nur eine einzige Stimme merkte damals an, dass der Beschluss zum Abriss gar nicht erst unter Ausschluss der Öffentlichkeit hätte behandelt werden dürfen, denn natürlich hätte ein berechtigtes öffentliches Interesse an einem städtischen Grundstück bestanden. Doch dem Gartenhaus fehlte das Siegel des Denkmalschutzes und so kam ihm niemand von amtlicher Seite zu Hilfe, als seine letzten Stunden gezählt wurden.

„Die Stadt Regensburg wäre durchaus in der Lage gewesen, das Haus auch ohne ‚Baudenkmal-Siegel‘ zu erhalten“, glaubt Buck enttäuscht. Auch Ebeling ist sich sicher, dass das Gartenhaus zu sanieren gewesen wäre: „Ich habe schon Häuser in deutlich schlimmerem Zustand wieder instandgesetzt. Mit einer Millionen Euro hätte man sicherlich eine weitere Nutzung in Erwägung ziehen können.“ Er möchte im kommenden Jahr ein Phantommodell aus Holz, ein filigranes Gerüst, des Gartenhauses errichten.

Mit dem Haus ist weit mehr verschwunden, als ein Gebäude. Es ist die Erinnerung an eine biedermeierzeitliche Idylle, die unwiederbringlich verloren ist. „Der Typus des Königswiesener Gartenhauses hat frappierende Ähnlichkeit mit dem Goethes in Weimar“, erklärt Buck und fügt an: „Hier würde auch keiner jemals auf die Idee kommen, es abzureißen.“

„Darüber hinaus ist ein Stück Stadtteilidentität verloren gegangen. Die Villa Rustica im Viertel fiel bereits vor Jahren dem Bau der Dr.-Gessler-Straße zum Opfer. Nun ist auch das Gartenhaus weg“, so der Architekt. Mit ihrem kleinen Protest möchten die Mitglieder des AKK, zukünftige „Abriss-Sünden“ vermeiden und das kulturelle Denken der Stadt schärfen.

Angesichts der bereits eifrig arbeitenden Planierraupen an jenem Tag waren wohl auch Gestaltungsvorschläge vom Tisch, denn die natürliche Arena, in der das Gartenhaus eingebettet war, wird aus Sicherheitsgründen aufgeschüttet und der Hang gesichert. Zumindest eine Gedenktafel würde sich der Arbeitskreis Kultur wünschen, die an dieser Stelle an die lange Geschichte des Gartenhauses erinnert. Man möchte mit der Stadt darüber in Gespräche gehen ...


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