12.09.2019, 17:21 Uhr

Ausgrabungen im „Großen Gräberfeld“ 1.500 Skelette aus Regensburg könnten eine Lücke in den Geschichtsbüchern schließen

Frühmittelalterliches Männergrab, ausgestattet mit Spielsteinen und zwei Lanzen, um 600. (Foto: Kant)Frühmittelalterliches Männergrab, ausgestattet mit Spielsteinen und zwei Lanzen, um 600. (Foto: Kant)

Das „Große Gräberfeld“ in Regensburg war eigentlich bekannt, in den Jahren 1872 bis 1874 waren hier 827 Brand- und Körpergräber entdeckt worden – doch als man 2015 das Gelände an der Bahnlinie als Bebauungsgebiet „Das Dörnberg“ erschließen wollte, kam die große Überraschung: Weitere 1.600 Körpergräber und 210 Brandgräber wurden entdeckt. Wie damit umgehen? Das war eine der Fragen, die sich stellte. Am Donnerstag, 12. September, wurde im Historischen Museum vorgestellt, wie es nun weitergehen soll.

REGENSBURG Es ist nicht damit getan, zum Beispiel ein Skelett zu entdecken, man müsse es auch der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zur Verfügung stellen, so Regensburgs Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Regensburg sei „reich an kulturellem Erbe, reich an dem, was unter der Erde liegt“ - und bei annähernd jeder Baumaßnahme stoße man auf dieses Erbe. Viele Funde seien bereits in die Sammlung der Stadt aufgenommen worden, mit dem neuen Depot, für das am Mittwoch der Spatenstich erfolgt ist, werde man dies künftig noch besser bewerkstelligen können. Letztlich dauere die Arbeit nach solchen Grabungen sehr lange und sei sehr teuer, so Maltz-Schwarzfischer. Sie freue sich deshalb sehr, dass die Stadt Regensburg mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München starke Kooperationspartner gefunden habe. „Es ist unsere Geschichte, die hier erforscht wird“, so die Bürgermeisterin.

Besonders spannend: Die Ausgrabungen können neue Erkenntnisse über den Übergang der Bevölkerung von der Spätantike ins Frühmittelalter geben. Damit könnte man eine zeit neu erschließen, die der Kulturreferent der Stadt Regensburg, Klemens Unger, als ein „im Dunkeln befindliches Kapitel der Bayerischen Geschichte“ bezeichnet. Man wisse hier noch nicht viel – die Funde aus dem „Großen Gräberfeld“ in Regensburg könnten hier eine Lücke in den Geschichtsbüchern schließen.

Prof. Dr. C. Sebastian Sommer, Abteilungsleiter Bodendenkmäler beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD), sieht gute Voraussetzungen, die Funde aufarbeiten zu können. Schon während der Grabungen sei begonnen worden, die Funde zu sichten und zu untersuchen, Investor, Stadt und Denkmalpflege hätten hier sehr gut zusammengearbeitet. Das Ziel, Bodendenkmäler auch im Boden zu belassen kollidiere oft mit den Planungen – so seien im „Großen Gräberfeld“ nun rund 1.500 Skelette geborgen worden, nur im Bereich der neuen Grünfläche habe man die Funde im Boden belassen. Die Grabungen seien „gut und verwertbar“ durchgeführt worden, das Material gebe einen „spannenden Einblick in die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter“. Das Historische Museum der Stadt biete zudem die Möglichkeit, die Funde zu präsentieren und auch Zwischenergebnisse der Auswertungen der Öffentlichkeit vorzustellen. Dr. Silvia Codreanu-Windauer, Referatsleiterin für die Oberpfalz und Niederbayern beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sieht einen „Riesenberg an archäologischem Material“, das nun wissenschaftlich bearbeitet werden kann. Die neue Kooperation biete die Möglichkeit, Kontinuität in der Bearbeitung zu gewährleisten, das Material werde nicht zersplittert. Und auch wenn es etwas dauern wird, bis alle Ergebnisse vorliegen, ist sich Codreanu-Windauer sicher, dass es ganz neue Erkenntnisse geben wird – „nicht nur für Regensburg“. Die Skelette stammten aus einer Zeit, „über die wir am wenigsten wissen“. Spannend sei, wer in die Region gekommen und wer geblieben ist, wie sich die Menschen ernährt haben, welche sozialen Aspekt wichtig waren. Und: Warum ist ein römischer Friedhof im Frühmittelalter weiterhin genutzt worden? Auch diese Frage könnte beantwortet werden. Die Funde seien dabei vielfältig, schildert Codreanu-Windauer. In vielen Gräber fand sich nur ein Skelett, in anderen aber auch Keramik, also Krüge oder Schalen, hinzu kommen Gläser oder kleine Glasfläschchen,. Ketten, Broschen, Perlen, Ringe und Fibeln finden sich ebenfalls in den Gräbern. Waffen gibt es bei den römischen Skeletten nicht, erst die Germanen bestatteten Männer mit Waffen. Auch hier gibt es Funde. Auch Sarkophage konnten geborgen werden, teilweise sehr gut erhalten. Am meisten bewegt hat Codreanu-Windauer ein kleiner Sarkophag, in dem ein Baby bestattet wurde. „Zu manchen Funden haben wir einen besonderen Bezug“, sagt die Archäologin.

Dr. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München unterzieht die Skelette einer forensischen Untersuchung, man könne so Rückschlüsse ziehen, wie die Menschen gelebt haben oder ob sie krank oder verletzt waren. Bei so viele Skeletten sei es möglich, Rückschlüsse auf die Bevölkerung zu ziehen, „die Skelette sind ein wunderbares Reservoir biologischer Informationen;“ so McGlynn. Die Ludwig-Maximilians-Universität München beteiligt sich mit der archäologischen Auswertung an der Aufarbeitung der Funde. Zudem sind auch Förderanträge geplant, um weitere Gelder für das Projekt zu sammeln.

„Mit der Kooperationsvereinbarung der verschiedenen beteiligten Institutionen ist eine feste Basis für die Durchführung der miteinander verzahnten Untersuchungen, aber auch für die Beantragung von Fördermitteln geschaffen. Die gigantische Aufgabe setzt sich aus vielen wissenschaftlichen Maßnahmen zusammen und wird letztlich noch einige Jahre in Anspruch nehmen, bevor alle Ergebnisse zusammengetragen und in Publikationen und Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können“, so die Stadt. Man darf sich also schon jetzt freuen auf die erste Ausstellung, die Funde aus dem „Großen Gräberfeld“ zeigt!


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