26.02.2019, 13:55 Uhr

Diese Synagoge mahnt: Nie wieder!


500 Jahre nach der Zerstörung der alten und 80 Jahre nach der Jugendstil-Synagoge eröffnet ein ganz

Regensburg. Wenn Rabbi Josef Chaim Bloch die drei Thorarollen aus dem Schrein nimmt, sie unter Gesängen in den neuen Gebetsraum bringt, dann wird Gott Zeuge, dass der Mensch bereuen kann. 500 Jahre ist es her, dass der Mob die Juden aus der Freien Reichsstadt Regensburg vertrieb, das jüdische Ghetto und die Alte Synagoge dem Erdboden gleichmachte. 80 Jahre ist es her, dass am Abend des 9. November 1938 die Regensburger Feuerwehr dem Judenhass freien Lauf und eine weitere Synagoge den Flammen überließ. Auf Anweisung von NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim durften nur umliegende Gebäude am Brixener Hof inmitten der historischen Altstadt gelöscht werden. So überlebte das Gemeindehaus, das bis heute besteht. Nun bekommt es einen neuen Nachbarn: Am kommenden Mittwoch wird die neue Synagoge mit neuem Gemeindezentrum eingeweiht.

Die neue Synagoge soll ein Leuchtturm sein für ganz Bayern. Ilse Danziger, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, erzählt gerne, welche Erfahrung sie in München gemacht hat, als sie einmal die Orientierung in der Stadt verlor: „Jeder, den ich fragte, wo die Synagoge ist, hat mir freundlich weitergeholfen. Das Gebäude ist ein Orientierungspunkt in der Münchner Innenstadt geworden.“ Das Interesse an Führungen, gerade von Schulen, ist riesig. Viele Menschen wollen diesen einzigartigen neuen Sakralbau besichtigen. Würzburg, Bamberg und München haben neue Synagogen, sie wurden Anfang der 2000er Jahre geplant und gebaut. Der Neubau in Regensburg ist die erste neue Synagoge seit über zehn Jahren in Bayern.

Wenn die fünf Bücher Mose in den Gebetsraum gebracht worden sind, dann wird die jüdische Gemeinde wieder ein würdiges Haus haben. Sowohl die Stadt Regensburg, als auch viele Spender machten das möglich. „Wir haben etwas wiedergutzumachen“, hatte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs den Regensburgern bei der Grundsteinlegung ins Stammbuch geschrieben.

Nirgendwo sonst in der Altstadt von Regensburg sind sich die Religionen so nahe wie an dieser Stelle. Geht man die Fußgängerzone an einem ganz normalen Samstag entlang, dann passiert man einen Stand der Zeugen Jehovas. Auch eine Gruppe von Moslems erklärt hier regelmäßig den Koran. Die erzkonservative Piusbruderschaft lädt zur Debatte über Gott ein. Vorbei an dem Haus, in dem Papst-Bruder Georg Ratzinger lebt und Benedikt XVI. im Kreise seiner Freunde beim Bayern-Besuch Kaffee trank, vorbei am Buddhistischen Zentrum und am Yoga-Kaffee, steht man plötzlich vor einem modernen Neubau: Hier steht die neue Synagoge der jüdischen Gemeinde. „Meleke“ heißt der helle Jerusalem-Stein, aus dem seit den Zeiten von König Herodes die Gebäude in der Heiligen Stadt gebaut werden, bis heute. Der in Regensburg verwendete hell gebrannte Klinker sieht dem Jerusalem-Stein zum Verwechseln ähnlich. Die Synagoge könnte auch im modernen Jerusalem stehen. Sie leuchtet, wenn die Sonne auf sie scheint.

So sieht die neue Synagoge aus. (Foto: ce)

Entworfen hat das Gotteshaus das Architektenbüro Volker Staab aus Berlin. Das Gebäude fügt sich beeindruckend in die historischen Häuserfassaden ein. Das war wichtig: Wenige Meter entfernt hatte im Mittelalter der Bischof von Brixen eine Residenz. Bis heute prangt sein Lamm-Wappen an der Häuserfassade. Die neue Synagoge ist modern und klassisch zugleich.

Schon die Vorgänger-Bauten waren bemerkenswerte Glaubenszeugnisse: Die Jugendstil-Synagoge, die von den Regensburgern angezündet wurde. Und die alte Synagoge an anderer Stelle, die 1519 niedergebrannt und mit einer Marienkirche überbaut wurde. Religiöser und politischer Wahn haben viele Menschen das Leben gekostet.

Große Namen hat die jüdische Gemeinde trotz aller Verluste auch nach dem Krieg hervorgebracht: Otto Schwerdt zum Beispiel, der Holocaust-Überlebende, der in seinem Buch „Als Gott und die Welt schliefen“ die Shoah, den Judenmord, anklagte. Oder Hans Rosengold, lange Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Er war einer, der vergab, aber nicht vergessen wollte: Nach dem Exil in Argentinien kehrte er nach Regensburg zurück. „Wir haben natürlich Fotos von Otto Schwerdt und Hans Rosengold im Gemeindehaus“, sagt Ilse Danziger.

Rabbi Bloch sitzt mit ihr und Dieter Weber vom „Förderverein Neue Synagoge Regensburg“ im alten Gebetsraum. Die Gemeinde wird das alte Gemeindehaus weiter betreiben, der Platz ist dringend nötig. Rund 950 Mitglieder zählt die Gemeinde heute. Vor allem in den 90er Jahren kamen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Das Judentum auf der ganzen Welt war stets ein Vorbild für Integration. „Als man die Traditionen von Juden aus den USA mit denen aus Osteuropa und auch Afrika verglich, stellte man fest: Bis auf den Buchstaben war alles gleich“, sagt Rabbi Bloch. Das sei der Kern des Judentums: die Schrifttreue. Die Gemeinde ist orthodox, der Rabbiner lehrt, wie man gesetzestreu lebt. Gegessen wird koscher, also nach den jüdischen Speisevorschriften, nach denen Schweinefleisch und Schalentiere tabu, milchiges von fleischigem Essen zu trennen sind. Traditionell ist auch das Ritualbad. Auch hier im Untergeschoss gibt es eine solche Mikweh, die bereits 1912 errichtet wurde. „Eine Historikerin hat die alten Pläne gefunden“, erzählt Ilse Danziger. Der Neubau hat Altes und Neues versöhnt.

Die Gemeinde bekommt eine neue Thorarolle

Auch eine neue Thorarolle hat die Gemeinde bekommen. Sie muss aus Pergament gefertigt sein, die einzelnen Pergamente werden dann miteinander vernäht. Ein Federkiel ist zu benutzen, die hebräischen Buchstaben müssen exakt sein und kein einziger darf abweichen. Die neue Synagoge soll ein Ort der Begegnung werden. Die umfangreiche Bücherei der Gemeinde wird öffentlich zugänglich sein, dort wird man auch Kaffee trinken können. In den Gemeinderäumen findet der jüdische Religionsunterricht statt. Auch der Gebetsraum wird außerhalb der Gottesdienste für alle zugänglich sein. „Wir wollen alle willkommen heißen hier“, sagt Ilse Danziger, die aus Passau stammt.

„Habe mich mit unserer Schuld auseinandergesetzt“

Dieter Weber spielt eine besondere Rolle: Der frühere Leiter des Evangelischen Bildungswerks hat viele Steine angestoßen. „Ich habe das aus einer historischen Auseinandersetzung heraus getan, auch mit der Schuld, die Christen auf sich geladen haben“, sagt Weber. Einst hatte er den Künstler Gunter Demnig Stolpersteine in Regensburg verlegen lassen. Bis heute erinnern sie an Deportationen und Massenvernichtung. Als Weber den Verein für die „Neue Synagoge“ gründet, lässt er sich nicht träumen, wie groß die Solidarität der Regensburger ist. „Das ist schon beeindruckend“, sagt Weber. Regensburg, ab dem neunten Jahrhundert Sitz einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden Europas, hat offenbar den Willen, einiges wieder gut zu machen. „Hier waren große Lehrer ansässig, die wichtig waren für die Juden in ganz Europa“, erzählt Rabbi Bloch ehrfürchtig. „Es gibt Werke, die hier im Mittelalter verfasst wurden und die Juden bis heute benutzen.“ Gefragt, wie sie die antisemitischen Ausfälle der jüngeren Zeit bewerten, äußern sich der Rabbi und die Gemeindevorsitzende zurückhaltend: „Wir wollen über das Positive sprechen.“ Vor der Tür steht ein Polizeiwagen, seit vielen Jahren. Konsequenz aus Vergangenem, aber auch Zeichen des heutigen Staats für ein „Nie wieder!“

Rahmenprogramm

Bei der Eröffnung der neuen Synagoge am heutigen Mittwoch, 27. Februar, werden zahlreiche prominente Gäste erwartet. Unter ihnen ist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sowie Bayerns Kultusminister Michael Piazzolo. Mit dabei sein wird auch Schauspielerin Adele Neuhauser, die bereits den Grundstein legte. Und selbstverständlich wird auch Architekt Volker Staab aus Berlin anreisen, um den Abschluss der Arbeiten seines Büros mitzufeiern. Die Jüdische Gemeinde plant einen Tag der offenen Tür am 12. Mai, an dem ab 10 Uhr auch Führungen durch die Synagoge stattfinden sollen. Zudem soll der Welterbetag am 2. Juni ein Tag der offenen Tür sein.

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