17.05.2018, 16:01 Uhr

Lovis-Corinth-Preis 2018 Das KOG zeigt Roman Ondaks Ausstellung „Based on True Events“


Roman Ondaks Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie ist seit 2012 die umfangreichste und bedeutendste Präsentation der Arbeit des renommierten Konzeptkünstlers in einem deutschen Museum. Die vom Künstler eigens für Regensburg konzipierte Schau mit Arbeiten aus allen Werkphasen begleitet die Verleihung des Lovis-Corinth-Preises 2018 an den slowakischen Künstler.

REGENSBURG Als Ausgangspunkt für seine Kunstwerke nimmt Ondak meist Gegenstände aus dem persönlichen Umfeld. Das Material, Objekte aber auch Erlebnisse, liefert den ersten Impuls, Bekanntes zu überdenken und zu hinterfragen. In diesem Sinn ist auch der Ausstellungstitel zu verstehen: „Based on True Events“. Im Zeitalter der Fake News, alternativen und Post-Fakten ist dieses Versprechen verstörend. Was sind „wahre“ Begebenheiten und wer bestimmt das? Roman Ondaks Konzeptkunst ging schon immer solchen Fragen nach, nun sind sie aktueller denn je.

Für die Ausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg wählte Roman Ondak bekannte Werke aus den letzten Jahren und ergänzte sie mit einigen erst kürzlich entstandenen Arbeiten, die hier zum ersten Mal zu sehen sind. Den 200 Quadratmeter großen Hauptsaal bespielt er mit „Signature“, einer Arbeit von 2014, die hier erstmals im Museum präsentiert wird. Sie besteht aus 50 Teilen einer zerlegten Schreibmaschine, die jeweils auf einem Träger – verschiedenen Gestellen, Platten und Schranktüren – angebracht sind. Die Schau umfasst ferner drei weitere große Installationen. Hinter „New Observations“ (1995/2018) verbirgt sich eine Serie gerahmter Fotografien, die Ondak einem in den 1950er Jahren erschienenen Buch über menschliches Verhalten entnommen und neu geordnet hat. In Regensburg zeigt er erstmals diese Fortsetzung seines documenta 13-Beitrags „Observations“ (1995/2011). Mit der Serie „Planets I–IX, Eclipse“ (2016–2018) greift der Künstler erneut seine Begeisterung für kosmologische Themen auf. Sein jüngstes Werk „Perfect Society“ (2018) befasst sich mit den Mitteln und Wegen von Kommunikation und Interaktion.

Die vier Hauptwerke der Ausstellung veranschaulichen Ondaks Ansatz. Objekte, die mit seiner eigenen Geschichte verbunden sind, wie die Schreibmaschine seines Urgroßvaters, oder zufällige Funde, wie die Abbildungen aus einer Publikation, greift er aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und fügt sie in einen neuen ein. Dadurch öffnet er eine andere Perspektive und schafft Raum für Assoziationen. Dieses Prinzip durchzieht auch das Ausstellungskonzept. Mehrere kleinere Arbeiten, darunter „Hung Wardrobe“ (1996), „Scrunched Roofs“ (2016), die Aufnahmen von räumlichen Situationen „Inverted Cosmos“ (1994) und „Ein Museum“ 2009 sowie der beliebte Film „Lucky Day“ (2006) runden die Werkauswahl ab. Zwar steht jede Arbeit für sich, doch erweitert die durchdachte Zusammenführung in der Ausstellung die philosophischen Dimensionen von Ondaks Werken. Er überlässt es den Besuchern, weitere inhaltliche und formale Querverbindungen zu entdecken. Die Betrachter und ihre Wahrnehmung der Arbeiten sowie deren Bezüge untereinander spielen für den Künstler eine zentrale Rolle, sie erst vervollständigen sein Werk.

„Signature“

Die raumfüllende Installation „Signature“ geht auf ein einziges Objekt zurück, nämlich eine Schreibmaschine, die früher Roman Ondaks Urgroßvater gehörte. Der Künstler hat sie in 50 Einzelteile zerlegt und für jedes einen neuen Sockel gefunden. Die Elemente fügte er dabei raffiniert in den neuen Kontext der unterschiedlichen gefundenen Alltagsobjekte ein. Nach Vorstellung des Künstlers lädt das neue Erscheinungsbild der Maschine zu einer Reise durch ihr Inneres ein. Diese Reise ist sowohl persönlich als auch politisch. So werden die Besucher Zeugen der privaten Erinnerungen des Künstlers, den als Kind die Ähnlichkeit seines Vornamens Roman mit dem Herstellernamen Remington beeindruckte. Seine kindliche Faszination an Sprache vermittelt sich in der Assemblage der zwei Tasten „R“ und „O“ in einem der Teile der Arbeit. Auch der englische Titel „Signature“ deutet an, dass es sich hier um etwas sehr Persönliches handelt, etwas Einzig- und Andersartiges, etwas Charakteristisches. Die politische Dimension von „Signature“ beruht einerseits auf dem Hüten dieses Produkts des amerikanischen Erzfeindes in der Tschechoslowakei auch während des Kalten Kriegs. Zugleich eröffnet sich ein Bezug zur Konkreten und Visuellen Poesie, die Bilder aus (getippten) Buchstaben erzeugten. In der Tschechoslowakei zählten diese Kunstformen zur Avantgarde und waren subversive Gesten des Widerstands.

„Planets I–IX, Eclipse“

Mit dieser neuen Installation würdigt und vereint Ondak zwei Themen, die ihm besonders am Herzen liegen: soziale Interaktion (in diesem Fall das gemeinsame Essen) und das Verhältnis des Menschen zum Kosmos. Auf anderer Ebene reflektiert die Arbeit Konzepte von Maßstab und Erinnerung. Die neun titelgebenden „Planeten“ (einschließlich Pluto) sowie die Sonnenfinsternis – repräsentiert von konkaven Formen der Schöpfkellen und –siebe – sind jeweils eingelassen in eine alte Tischplatte oder Wandtafeln gezeichnet von Gebrauchsspuren. Mit unterschiedlichem Abstand zu den Reliefs verändert sich deren Wahrnehmung: Aus der Nähe sind die Spuren auf den Holztafeln als Relikte gemeinschaftlicher Aktivitäten zu erkennen, für die sie gemacht waren; aus der Ferne simulieren sie das Weltall um die Planeten und die Sonne. Dieser Wechsel der Perspektive verdeutlicht, wie uneindeutig der Betrachterstandpunkt ist, seine Nähe zu den Tischen oder seine Entfernung von den Planeten. Was ist wahr, was Illusion? Ondaks Arbeit zeigt die Diskrepanz dazwischen auf, wie man Dinge sieht und wie man sie erinnert.

„Perfect Society“

Das historische Haus in Bratislava, das Roman Ondak erst vor Kurzem bezogen hat, bescherte ihm einiges anregende Material. Neben den zwei Objekten mit den Titeln „Scrunched Roof“ stammen auch die Kupferrohre der jüngsten Arbeit „Perfect Society“ aus diesem Gebäude, wo sie Teil der Zentralheizung waren. In mühevoller Arbeit zersägte der Künstler das nicht mehr funktionierende System in tausende fast gleichlange Einzelteile und erfand eine neue Ordnung und einen neuen Zweck für sie. Während die geraden Rohre gruppenweise in Reih und Glied aufgestellt oder gelegt sind, folgen die gebogenen Teile einem ausgeklügelten Muster, das von einer Metallkette vorgegeben wird. Doch bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass die Richtung und das Muster zweifelhaft sind. Wie der Titel „Perfect Society“ andeutet, kann diese Arbeit als Allegorie einer gesellschaftlichen oder politischen Ordnung verstanden werden. Während die äußere Einheitlichkeit und Schönheit der Rohre eine funktionierende oder ‚perfekte‘ Utopie andeuten, rufen die Spuren von Unordnung (Ränder) und Macht (Kette) Vorstellungen von Unterdrückung, Disfunktionalität oder auch Verfall auf.

„New Observations

Formal und inhaltlich folgt „New Observations“ der Arbeit „Observations“, die Roman Ondak bereits 2012 im Rahmen der documenta 13 zeigte. Beide Teile basieren auf Abbildungen aus einer amerikanischen Publikation über die nonverbale Kommunikation aus den 1950er Jahren. Die schwarzweißen Fotos geben Menschen und Objekte in unterschiedlichen Konstellationen wieder. Ondak separiert die Bilder und gruppiert sie neu. Er behält die Originalbeschriftungen bei und bezieht sie in sein Konzept ein. Die Beschriftungen beeinflussen die Wahrnehmung der Bilder und aktivieren eigene Erfahrungen bei dem Betrachter. Das Wort ‚Observations‘, Beobachtungen, bezieht sich sowohl darauf, was in den Bildern zu sehen ist, als auch auf die performative neue Wahrnehmung derselben während des Gangs durch den Saal. ‚New Observations‘, neue Beobachtungen entstehen, indem die Besucher die historischen betrachten.

Begleitend zu der Regensburger Ausstellung erscheint Ondaks Künstlerbuch mit demselben Titel „New Observations“. Es ist genauso wie das Künstlerbuch zu „Observations“ ergänzend zur Installation konzipiert, aber dupliziert sie nicht. Der Künstler huldigt den Autoren wie den (anonymen) Fotografen des ursprünglichen Buches, das in seinen Augen wie Kunst aussah, ohne dass sie es intendierten.

Interventionen

An einigen freien Wänden in der Ausstellung hat Roman Ondak Objekte angebracht, die Bestandteile von Museumssälen sein könnten, aber tatsächlich von anderen unbekannten Orten hierher überführt wurden. Die Besucher entdecken diese gefundenen Objekte nur bei erhöhter Aufmerksamkeit. Die Interventionen demonstrieren eine Unsichtbarkeit von Alltagsgegenständen, die deren Entdeckung umso vergnüglicher macht und die selbst häufig Thema von Ondaks Arbeiten ist.

Begleitprogramm

Die Verleihung des Lovis-Corinth-Preises an Roman Ondak erfolgt im Rahmen der Vernissage der Ausstellung am Freitag, 18. Mai, um 19 Uhr. Am Samstag, dem 19. Mai, um 13 Uhr führt der Künstler in englischer Sprache durch die Ausstellung. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, Anmeldung ist erforderlich. Ebenfalls am Samstag findet von 10 bis 12 Uhr die Kindereröffnung statt. Zu einem Rundgang mit der Kuratorin der Ausstellung, Dr. Nina Schleif, lädt das KOG am Donnerstag, 21. Juni, um 18.30 Uhr ein. Im Rahmen der Führungsreihe KOG-tail widmet sich Dr. Schleif am Donnerstag, 5. Juli, den philosophischen Hintergründen von Ondaks Schaffen. In einer Expertenführung beschäftigt sich die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Christiane Heibach von der Universität Regensburg mit Ondaks Arbeit. Ihre Führung findet am Donnerstag, dem 12. Juli, um 19 Uhr statt. Das beliebte KunstFrühstück mit Kurzführungen durch die Ausstellung gibt es am Sonntag, 22. Juli.


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