07.02.2018, 19:02 Uhr

Im Velodrom Das ist das durchgeknallteste Musical aller Zeiten!


Im Velodrom bekam das Publikum einen echten Burroughs zu sehen!

REGENSBURG Vogelwild ist das, was dem Besucher im Velodrom seit Samstagabend zugemutet wird. Wer zur Premiere des Musicals „Black Rider“ kommt – selbst das ist köstlich: Graf und Gräfin Drechsel wippen heiter mit, als noch vor dem Start um 19.30 das Stück schon längst begonnen hat und Techno-Sound und Stroboskoplicht das Velodrom ausfüllt. Die halbe Regensburger Landtags-Clique ist da, Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Alt-OB Christa Meier tummeln sich ebenso wie Stadträte aller Coleur in den Zuschauer-Reihen. Die ersten drei Reihen tragen Schutzbrillen, selbst wenn die Gäste, wie Schulamtsleiter Herbert Stautner, Anzug und Krawatte tragen. Wissenschaftsreferent Dieter Daminger hat wenigstens auf die Krawatte verzichtet.

Dabei hätten sie sich doch denken können: Wenn William S. Burroughs zusammen mit Musiker-Legende Tom Waits ein Musical macht, bleibt kein Auge trocken. Eine Orgie ist das, was die Zuschauer am Samstagabend erleben, eine Orgie für die Augen jedenfalls. Das Velodrom hat man selten mit so abgefahrenen Bühnenbildern gesehen. Burroughs sagt Ihnen nichts? Nun, schade. Der bisexuelle Beat-Generation-Dichter ist vielleicht der Heroinsüchtige, dessen Überleben am längsten dokumentiert ist. Burroughs Theorie: Wenn man das Zeug nicht streckt, dann kann man ewig leben. Schließlich erneuern sich die Zellen ja nach jedem Entzug. Literarisch lebte Burroughs ebenso rasant wie grenzwertig: Er erfand eine Art Collagen-Technik, wohl im Rausch: Seiten, die er getippt hatte, gerieten ihm immer wieder durcheinander. Was tat der Mann? Nun, wer braucht schon eine Story am Stück. Wird der Text eben ein wenig abgefahrener. Abgefahren, als das kann man auch das Stück „Black Rider“ bezeichnen, das Burroughs, damals bereits fast 80 Jahre alt, für das Hamburger Thalia Theater mit Tom Waits kreierte. Es erzählt die Geschichte des Freischütz, eine Oper von Carl Maria von Weber. Hauptdarsteller ist Wilhelm, frei nach Wilhelm Tell, dem Mann, der seinem Sohn den Apfel vom Kopf schießen musste. Das hatte auch Burroughs bei seiner Ehefrau versucht, volltrunken zielte er auf einem Apfel auf ihrem Kopf – und erschoss sie dabei. Ein Unfall, wie es später heißen sollte.

Die Theater-Besucher erleben die Story dann auch ein wenig abgewandelt, Textpassagen ergeben kaum einen Sinn, und dennoch versteht man die Handlung – ein genialer Schachzug des Beat-Dichters, der den Betrachter durch seine Drogenräusche mitnimmt. Denn der Schuss des Wilhelm, der vom Teufel präparierte Kugeln benutzt, um auch mal zu treffen, steht natürlich sinnbildlich für den Schuss, von dem der Dichter lange Jahre seines Lebens abhängig war.

Wie erwähnt – da ist einiges geboten im Velodrom. Für die Augen natürlich mit tollen Kostümen, die an Absurdität nichts zu Wünschen übrig lassen. Man muss sich eben einlassen auf die groteske Welt, in die Burroughs entführt. Gesanglich gibt es große Höhen, auch manche Tiefen. Aber insgesamt ein wirklich sehenswertes, verrücktes Stück mit allem, was einen unterhaltsamen Abend ausmacht.


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