30.10.2017, 07:44 Uhr

Kultur Lüge, Verrat, Liebe, Verführung: Ein Tanzfest um Shakespeare


Shakespeare ist das Thema eines Tanzabends im Theater Velodrom – Alessio Burani sticht als Tänzer, aber auch als Choreograph hervor.

REGENSBURG Liebe und Lüge, Verrat und Verführung: Das ganze Universum menschlicher Abgründe und unermessliche Höhen des Daseins, all das gibt es im Werk von William Shakespeare. Die Verführung im Macbeth, den Verrat ebenfalls. Die Leidenschaft und die Liebe nirgends so tragisch wie bei Romeo und Julia. Und wo ist die Lüge so unfassbar wie im Hamlet, der im faulenden Dänemark darbt?

All dies in Bilder zu fassen, das ist der Anspruch eines Tanzabends am Theater Regensburg. Yuki Mori inszeniert diese Abgründe messerscharf und schneidend. Allessio Burano und Simone Elliott tanzen zuckend und sich windend das ganze Drama des Mensch-Seins. Grandios. Es zeigt sich, dass dieses Tanzensemble ganz hervorragende Protagonisten aufweist. Die Auseinandersetzung mit dem Stoff erfolgt bei Mori wie gewohnt präzise und diszipliniert. Doch genau diese Präzision, die der Ballettmeister offenbar mit höchsten Ansprüchen an sich selbst verbindet, ist manchmal leider auch seine Schwäche: Es darf kein Moment der Stille auf der Bühne entstehen. Die Figuren wirken oft atemlos - aber: Das mag auch zu Shakespeare passen. Wie atemlos muss dieser Mann gewesen sein, wenn er ein solches Werk hinterlassen hat? Die Auseinandersetzung mit seinen Stücken ist eindringlich, sie geht dem Zuschauer nahe.

Doch noch eindringlicher ist die Annäherung Buranis im von ihm inszenierten Stück „Human.“ In einer Zeit, der die Gender-Frage so fremd war wie die Gleichberechtigung, spielten Männer Frauen auf der Bühne. Shakespeare ist bis heute ein Rätsel. Ein Rätsel sind auch seine homoerotische Sonette. War der Dichter etwa eine Frau? Schwul? Egal! Burani lässt Lucas Roque Machado den inneren Kampf der eigenen Geschlechtlichkeit hinreißend tanzen. In überlebensgroßen Bildern zuckender Leiber, auf die hauchdünne Haut der trennenden und nur leidlich verbergenden Chiffontücher projiziert, wird der innere Kampf eindrücklich, den jede Frau mit ihrer Weiblichkeit austrägt, jeder Mann mit seiner Männlichkeit. Und: Die Weiblichkeit, die den Mann ein Mysterium ist und die Männlichkeit, die Frauen quält oder antreibt, je nachdem. Es ist kein Kampf der Geschlechter, den Burani zeigt, es ist der Kampf, den die Aufteilung der Welt in Gut und Böse verursacht. Und es ist das Leid der Liebenden, die Sehnsucht nach dem Anderen, die verzehrt. Großer Tanz, den das Publikum da sehen darf.

Das ist nämlich Tanz als höchste Kunstform, Burani zuerst als grandioser Darsteller, dann als Choreograph: Shakespeare Dreams, ein Traum!


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