27.12.2017, 16:39 Uhr

Anonym im Netz „Soziale Reize werden im Internet herausgefiltert!“

Prof. Dr. Thomas Knieper (Foto: Universität Passau)Prof. Dr. Thomas Knieper (Foto: Universität Passau)

Interview mit Dr. Thomas Knieper von der Universität Passau

PASSAU Die Bandbreite illegaler Aktivitäten und Tatgelegenheiten im bzw. mittels des Internets ist groß und reicht von der Verbreitung von Kinderpornografie im Internet über „Phishing“ persönlicher Zugangsdaten, Handel mit Waffen und Rauschgift bis hin zu Netzwerkeinbrüchen und DDoS-Attacken, der Verbreitung von Schadsoftware und Betrugshandlungen. Dies alles geschieht unter Nutzung von Clearnet/Visible Web, der dort existierenden Foren der Underground Economy sowie von DeepWeb und Darknet, informiert das Bundeskriminalamt (BKA). Im Phänomenbereich Cybercrime ist – wie in kaum einem anderen Deliktsbereich – eine kontinuierlich steigende Kriminalitätsentwicklung in der Anonymität des Internets zu verzeichnen. Die PaWo sprach mit Dr. Thomas Knieper vom Lehrstuhl für Computervermittelte Kommunikation, Uni Passau, zum Thema.

Was bedeutet Anonymität im Internet?

Beim Aufeinandertreffen einander unbekannter User im Internet haben diese zunächst keine Hintergrundinformationen über Aussehen, Alter, Bildung, Einkommen etc. des Gegenüber.s Soziale Hinweisreize werden im Internet quasi herausgefiltert. Je textlastiger die Kommunikation im Internet abläuft, umso leichter lässt sich anonym auftreten. Eine derartige Anonymität stellt eine gewisse Geborgenheit dar und erleichtert die Selbstoffenbarung. Auf der anderen Seite sehen sich User auch weniger für ihr eigenes Handeln verantwortlich, wenn sie sich als Teil einer anonymen Masse wahrnehmen. Als Folge kann sowohl enthemmtes als auch anti-soziales Verhalten auftreten. In gewisser Weise neigt die Netzgemeinschaft aber heutzutage zum digitalen Seelenstrip. Die User präsentieren sich im Internet freiwillig als gläserne Menschen. Anonymität war gestern. Insofern ist Umdenken gefragt. Nicht die Anonymität im Internet, sondern eine enthemmte Gesellschaft ist das eigentliche Problem.

Warum benehmen sich Menschen im Internet gerne mal daneben?

Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Ein Stück weit ist uns die Respekttoleranz gegenüber Andersdenkenden abhandengekommen. Zudem verlieren Diskurse an Bedeutung. Nicht mehr Fakten, sondern Ängste, Vorurteile und Meinungen stehen im Mittelpunkt der Meinungs- und Willensbildung. Warum soll das im Internet anders sein?

„Anonymität gibt eine gewisse Geborgenheit“

Zwei Dinge kommen in der digitalen Welt erschwerend hinzu: Wir bewegen uns im Online-Leben oftmals in Filterblasen und Echokammern, die die eigene Meinung bestätigen. Eine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen wird so nicht mehr notwendig. Und wenn wir dann doch mal auf eine abweichende Meinung treffen, halten wir es für unser legitimes Recht, gegen diesen Standpunkt vorzugehen. In unserer Angst vor Isolation und in unserer Empörung schießen wir dabei oftmals über das Ziel hinaus. Nicht selten kommt es dabei auch zu Rechtsverletzungen.

Zudem erhalten wir keine Rückmeldung darüber, wie User unter den verbalen Attacken leiden. Wir sehen die Reaktionen der Betroffenen nicht und müssen daher auch nicht lernen, damit umzugehen. Die Konsequenzen bleiben leider häufig unbeobachtet und damit abstrakt.

Bevor man seinem Unmut im Internet freien Lauf lässt, kann ein kurzer Moment des Innehaltens und der Besinnung nicht schaden. Man sollte immer einen Rollenwechsel vornehmen und sich fragen, wie man sich selbst in einer entsprechenden Situation fühlen würde.

Verhalten sich alle Menschen im Internet enthemmt?

Hohe Meinungsstabilität, mangelnde Kritikfähigkeit und fehlende Respekttoleranz haben die Menschen verändert. Kommunikation wird damit zunehmend zum Instrument des eigenen Stimmungs-Managements. Wer seiner Aggressivität freien Lauf lässt und verbal austeilt, fühlt sich hinterher besser und befreiter. Ein derartiges Verhalten kann man insbesondere bei Personen mit mangelnder Bildung oder fehlendem Selbstwertgefühl beobachten. Sie reagieren empfindlich gegenüber Dritten, die ihr Weltbild durcheinanderbringen oder in Frage stellen. Persönlichkeitsstarke Personen dagegen sind bereit dazu zu lernen. Sie sind noch für Argumente zugänglich. Zudem unterliegt ihr Verhalten einer hohen Selbstkontrolle. Der erhobene Zeigefinger im eigenen Kopf mahnt, dass man andere nicht einfach so beleidigen darf. Jeder sollte die Chance erhalten, dass er sein Gesicht wahren kann. Das schafft man am besten durch eine entemotionalisierte und versachlichte Diskussion, in der auch Nachfragen ihren Platz haben sollten. Nur wer versteht, wie der andere tickt, kann dessen Meinung verändern. Das aber setzt die Fähigkeit des Zuhörens voraus und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen.

Gibt es einen Tipp zum zwischenmenschlichen Umgang im Internet?

Das Internet bietet die Chance, sich mit anderen zu vernetzen und auszutauschen. Hierbei ist es immer besser, eher zu viel als zu wenig über seine Posts nachzudenken. Einmal versandte Inhalte können nicht mehr zurückgeholt werden. Das Internet vergisst nichts. Insofern sollte man seine öffentlichen Posts lieber überschlafen, als sie spontan online zu stellen.

Ein abschließender Tipp: Man sollte immer sein Ohr am Kommunikationsfluss haben. Im Zweifel erkennt man so frühzeitig, wenn man vom Gespräch ins Gerede kommt. Nur als Teil der Kommunikation besitzt man die Chance, unmittelbar in die Diskussion einzugreifen und sie zu versachlichen.


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