24.12.2017, 07:55 Uhr

Die staade Zeit im Zweiten Weltkrieg Annelieses Weihnachtsgeschichte: Pfarrer durften damals nicht gegrüßt werden


Eine Leserin blickt zurück und erinnert sich an die Weihnachtszeit während des Zweiten Weltkriegs. Warum, so fragt sie sich, sind die Menschen heute so unzufrieden?

ASCHAU/PALLING. Unsere Leserin Anneliese Pascual wandte sich vor kurzem mit einem Brief an das Wochenblatt. Darin schildert sie, wie sie vor 74 Jahren als Kind die Weihnachtszeit erlebte. Ihrem Wunsch, in der heutigen, so unzufriedenen Zeit des Überflusses, diese authentische Geschichte zu veröffentlichen, kommen wir sehr gerne nach. Vielleicht hilft die Geschichte ja ein bisschen dabei, den Menschen die Augen zu öffnen, wie gut es uns allen heutzutage geht.

Als zu meiner Mutter das Christkind kam:

1943 war ich im zwölften Jahr. Ein waches Dirndl, mit blonden Zöpfen und allerhand Faxen im Kopf. Es war das vierte Kriegsjahr. Kurz vor Weihnachten ging ich eines Tages nach Hause. Sonst waren wir immer zu fünft. Da war’s viel lustiger. Diesmal war ich allein, weil ich wieder einmal nachsitzen musste.

Nur wegen dem Lehrer Schädl, dachte ich grimmig. Der hatte mich sowieso auf dem Kicker, seit der Sache mit dem Herrn Pfarrer. Immer Sommer kamen wir Kinder von der Klosterschule zum Lehrer Schädl. Einem eingefleischten Nazi. Da gab es kein Morgengebet zum Unterrichtsanfang. Nur noch „Heil Hitler“. Eines Tages durften wir unseren Herrn Pfarrer nicht mehr grüßen. Acht Tage vor Allerheiligen begegneten wir ihm dann auf der Straße. Wir Schulkinder marschierten in Reih und Glied, das hatte uns der

Schädl so eingebläut. Als wir dann auf Augenhöhe mit dem Pfarrer waren, senkten beschämt die Augen. Kein Ton kam über unsere Lippen. Der Lehrer hatte es ja strikt verboten.

Doch ich konnte das nicht. Wahrscheinlich aus Gewohnheit, sagte ich im vorbei Gehen „Gelobt sei Jesus Christus“. Sichtlich erfreut neigte der alte Pfarrer den Kopf.

Im Klassenzimmer bekam ich dann mein Fett ab. Rechts und links watschte mich der Schädl, dass mir Hören und Sehn verging. Meiner Mutter erzählte ich die Geschichte nicht, die hatte sowieso Sorgen genug, mit uns fünf Kindern und ihrem Mann, der in Stalingrad kämpfte.

Mittlerweile hatte ich schon die Hälfte meines Heimweges geschafft. Eisig pfiff der Winder, der immer wieder Schnee aufwirbelte. Ich frohr erbärmlich in meiner dünnen Winterjacke und freute mich schon auf die warme Kartoffelsuppe. Die gab es fast alle Tage. Denn viel gab es damals nicht zu beißen.

So stapfte ich tapfer dahin. Die Augen immer am Boden, weil es so stark schneite. Da sah ich ihn. Den Rucksack. Wie kam er dahin, an den Straßenrand? Ich schaute mich um. Aber da war niemand. Ich bückte mich und stieb den Schnee zur Seite. Als ich die Klappe öffnete, entfuhr mir: „Mich leck‘st am Arsch“. Was war das denn? Ein Trumm Gselchtes, mindestens vier Kilo schwer, kam zum Vorschein. Beim weiteren Graben fand ich noch einen großen Batzen Butter und zwölf eier. Alles dick in Zeitungspapier eingewickelt.

Ich war sprachlos. Wie würde sich meine Mama freuen über diese Köstlichkeiten. Und so schleppte ich meinen kostbaren Fund nach Hause. Meine Mutter war ganz aus dem Häuschen vor Freude. Immer wieder sagte sie: „Mei Annerli, zu uns ist wahrlich das Christkindl gekommen“.


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